Ich habe Heimweh - nach Australien!
Robert plagt das Heimweh. Aber nicht nach Mutti, sondern nach dem roten Kontinent.
Draußen regnet es. Vor mir liegt ein Buch in dessen Texten Wörter fehlen, die ich einsetzen soll. Warum? Weil ich im Leipzig Kolleg sitze und mein Abitur nachhole. Sieben Meter vor mir steht eine blonde Frau, die freudig „He, she, it, das S muss mit“ in die Köpfe meiner Mitschüler trällert. Ich hatte einen Krampf in den Ohren, als ich zum ersten Mal ihr Oxford-Englisch hörte. Meine Gehörgänge hatten sich in den letzten acht Monaten in den australischen Akzent verliebt und nun blutet mir das Herz, wenn ich zurückdenke.

„Es ist vorbei“, sagte ich letztes Jahr meinem Chef, meiner Lebenswegzeitbegleiterin und dem irgendwie tristen Deutschland. Mir war das alles viel zu langweilig geworden. Also tauschte ich Euro gegen australische Dollar, Dienstwagen gegen Schwarzarbeit, Pärchensonntage gegen Gruppenkuscheln im Zelt und Karrierewahn gegen Grillerchen am Strand – das Leben schien ein besseres zu werden.
Dabei wurde es zur verrücktesten emotionalen Achterbahnfahrt, die ich bisher erlebt habe.
Helden und Diebe
Egal wo ich gearbeitet habe, man hat mich erfolgreich ausgenommen. Vier von fünf meiner Jobs waren jenseits einer legalen Anstellung und ich bekam fünf bis zwölf Dollar pro Stunde in die Hand gedrückt. Der gesetzliche Mindestlohn liegt bei siebzehn. „Gib deinen Lebenslauf einfach in den Geschäften ab und du findest im Handumdrehen einen Job“ lügen all diese Organisationen uns abenteuerhungrigen Jugendlichen mitten ins Gesicht. Auch wenn die australische Wirtschaft tatsächlich auf Backpacker angewiesen ist, es sind einfach zu viele! Kurz um: Arbeiten und Geld verdienen – also der Work-Teil - war einfach zum Kotzen. Und dann schwamm ich in den Seen von dreißig Meter tiefen Schluchten, fuhr drei Tage im Zug quer über den Kontinent, stand vor Natures Window, konnte Kilometerweit auf roten Dreck schauen und schnorchelte mit bunten Fischen, die mich scheinbar für ihren Vater gehalten haben.

Von der Ostküste habe ich nichts gesehen. Aber dort fährt ja eh halb Deutschland hoch und runter. Vielmehr habe ich fünf Monate an der wüstenähnlichen und oftmals tristen Westseite Australiens verbracht. Aber diese ganz und gar nicht europäische Seite hat mich umgehauen. Kurz um: die Menschen und die Natur – also der Travel-Teil – waren einfach irre phänomenal.
Immer das, was man nicht hat
Während meiner Zeit in Australien wünschte ich mich nach Deutschland. Weg von sinnlosen Aushilfsarbeiten, zurück in einen Job mit Verantwortung, damit ich an meiner Karriere schrauben kann. Hier in Deutschland wünsche ich mich nach Australien. Weg vom eigenen Karrierewahn, zurück zum Lagerfeuer zwischen Kleinbussen und Kombis von Backpackern. Nur dieser unverschämte Rassismus im Alltag geht mir in beiden Ländern gegen den Strich. „Keine Schuhe, keine Bedienung“ hängt an den Türen so mancher australischer Läden. Barfuß laufen ist jedoch ein Teil der Aborigine-Kulutur.

Alles wie immer
Und während ich den fünften Kontinent beguckt habe, ist die Welt Daheim scheinbar stehen geblieben. Ey, ich war acht Monate weg und hier sieht es immer noch so aus wie im letzten Jahr! Es zischt beim Öffnen der ersten deutschen Biere und mir wird klar: Meine Freunde sind nach wie vor die großartigsten Menschen der Welt.
Das beruhigt mich. Das erschreckt mich. Gibt es keine Veränderung, solange man im selben Personenkreis unterwegs ist? Oder anders gefragt: bin ich als neuer Mensch zurückgekommen? Ich selbst habe nichts festgestellt und frage bei einem Freund nach. „Dein Selbstbewusstsein ist von 100 auf 130 Prozent gewachsen. Und, naja, du bist entspannter als früher, also hast weniger Termindruck.“ Sonst hätte sich nichts Auffälliges an mir getan. Zum Glück, meint er. Auf dem Küchentisch meiner WG falte ich die Australienkarte auseinander und erzähle meiner Mitbewohnerin vom roten Kontinent. „Dort bin ich auf ner Yacht unterwegs gewesen und dort dann 1400 Kilometer getrampt“ schwärme ich ihr vor. Mit großen Augen guckt sie mich an und meint „Na klasse, jetzt finde ich mein Leben langweilig.“ Ich meins auch. Zumindest hier im deutschen Alltag, der sich langsam aber sicher auch wieder mit Terminen füllt. Nur noch gut 144 Wochen bis zum Abitur und dann bin ich wieder weg.
Glaube ich.
Fotos: privat
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Kommentare
super!
klasse Eintrag, mach neideisch! kann auch deine Sehnsüchte vollkommen verstehen, Deutschland ist eben durchgeplant, meistens monoton und bürokratisiert. Hat aber auch seine Vorteile. Zudem gute, passende Bilder ausgewählt!
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Sehnsucht
Oh nein! Wieso habe ich das nur durchgelesen :D
Ich habe auch ein Jahr lang in Australien verbracht (bis Sommer 2010) und dein Artikel hat alles wieder entfacht...
Die Westküste war wunderschön und wahrhaftig nicht touristenüberlaufen :)
Wohin gehts bei dir als nächstes? Oder wieder Australien?
Nimmst du mich mit? :D
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