Kolumne

YouTube als Sprachrohr für Gott

Christliche Influencer, sogenannte „Christfluencer“, tragen nicht einfach ihren persönlichen Glauben nach außen. Sie vermarkten ihn vielmehr – wie ein Lifestyle-Produkt. Dabei nutzen sie modernste Kommunikation, um zu missionieren und aktiv gegen Werte wie die Gleichberechtigung und Emanzipation zu kämpfen.

07. Mai 2020 - 08:26
SPIESSER-Autorin Cherilia.
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Cherilia Offline
Beigetreten: 04.08.2012

„Das Leben ist immer noch das größte Geschenk für jeden Menschen“, erklärt Lukas mit ernster Stimme in einem Video mit dem Titel „Was ich über Abtreibung denke“. Das Setting ist ein für Influencer beliebtes: Auf einem Bett sitzend wird er direkt aus seinem privaten Schlafzimmer heraus gefilmt. Das soll zwar die Atmosphäre eines freundschaftlichen Gesprächs unter vier Augen suggerieren. Beim Zuschauen bekomme ich aber vor allem Gänsehaut.

Lukas ist Pastor und der Ehemann von „Li Marie“, auf deren Channel sein Video zu sehen ist. Darin betont er, es gehe ihm nicht darum, „irgendjemanden zu verdammen“. In den darauf folgenden zehn Minuten tut er – wer hätte das gedacht – genau das. Er erklärt jeden Schwangerschaftsabbruch zu einer Sünde, die „Gottes Plan“ durchkreuzt. Wer vor einer solchen Entscheidung stehe, solle sich einfach Hoffnung suchen. Wo? Im Gebet natürlich! Explizit warnt er Frauen vor den psychischen Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs. Es klingt wie eine Drohung, wenn er von den Schuldgefühlen spricht, die viele Betroffene ereilen. Dabei ignoriert er völlig die Folgen, die eine Schwangerschaft für Leben und Körper einer Frau haben kann – und seinen eigenen verheerenden Beitrag zu ebendiesen Schuldgefühlen.

Dass hier ausgerechnet ein Mann über Schwangerschaftsabbrüche und damit über die Köpfe von Frauen hinweg über deren Körper spricht, ist symptomatisch für Christfluencer. Ob nun Männer oder Frauen – unverhältnismäßig gern wird sich über andere erhoben, indem deren Verhalten der Stempel „Sünde“ aufgedrückt wird. Munter werden dabei Geschlechterklischees reproduziert und patriarchale Strukturen wenig infrage gestellt. So auch von den Betreiberinnen von „Girl Defined“. In ihren Videos geht es darum, „den Richtigen“ zu finden und den Platz in einer, am besten heterosexuellen, Partnerschaft – selbstverständlich inklusive sexueller Keuschheit vor der Eheschließung. Andere Themen sind die Verdammung von Pornografie und die richtige, nicht allzu „aufreizende“ Kleidung.

Das Problem ist nicht, dass Menschen dazu angehalten werden, keinen Sex vor der Ehe zu haben. Wer das möchte, soll sich gern persönlich dafür entscheiden. Verhaltensweisen wie diese werden aber durchweg mit scheinbar feststehenden, jahrhundertealten Begründungen aus der Bibel belegt. Die Message lautet: Wer die Verantwortung für alle persönlichen Entscheidungen unhinterfragt an eine höhere Instanz auslagert, führt ein glücklicheres und hoffnungsvolleres Leben. Mit ihren Predigten über Sünde und Vergebung, Autoritätshörigkeit und Seelenheil erreichen Christfluencer vor allem junge Menschen. Noch formbaren Menschen, die nach einem Sinn in ihrem Leben suchen, wird dieser mit dem Glauben an Gott auf dem Silbertablett präsentiert. Verpackt in ein scheinbar modernes Gewand, können Christfluencer unbehelligt ihre rückständigen Werte verbreiten, ohne sich darauf verlassen zu müssen, ihre Zielgruppe in Kirchen zu locken. Der YouTube-Algorithmus erledigt das schon für sie.

 

Text von Veronika Hofmann, 25, liest und schreibt wissenschaftlich, journalistisch, literarisch und versucht dabei zu verstehen.
Teaserbild: Paula Hohlfeld

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