Reisen & Auslandserfahrungen

Höhenflug oder Tiefgang?

Jeder erzählt Auslandserfahrungen seien eine Bereicherung. Die Gefühlswelt kann im Ausland aber ganz schön außer Kontrolle geraten und der Aufenthalt eine anstrengende Zeit sein. Wieso das so ist, erzählte der Professor für Interkulturelle Wirtschaftskommunikation Dr. Jürgen Bolten und Herausgeber des „Intercultural Journal“ SPIESSER-Praktikantin Juliane.

27. Juli 2017 - 11:07
SPIESSER-Autorin juli_yuki.
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juli_yuki Offline
Beigetreten: 23.03.2017

Herr Bolten, wie sind Sie Professor für Interkulturelle Wirtschaftskommunikation geworden?

Durch mein ursprüngliches Germanistik- und Linguistikstudium lernte ich Aspekte der Wirtschaftskommunikation kennen. Vor genau 25 Jahren wurde ich durch die größer werdende, internationale Mobilität zum Professor für Interkulturelle Wirtschaftskommunikation.

Was bedeutet eigentlich „Interkulturalität“?

Wenn wir uns in Situationen befinden, in denen Handlungsregeln gelten, die uns unvertraut sind, und die wir auf Anhieb nicht durchschauen, handelt es sich um kulturelle Fremdheitserfahrungen. Wenn wir uns in solchen Situationen nicht zurückziehen, sondern versuchen, die geltenden Regeln zu durchschauen oder neue Handlungsregeln auszuhandeln, spricht man von Interkulturalität.

Wie empfindet jemand, der sich für einen längeren Auslandsaufenthalt entschieden hat, die erste Zeit im Ausland?

Jemand, der bestehende Regeln erkennt, Unsicherheitssituationen nicht als etwas Schlimmes empfindet und eine Balance zwischen Zurücknehmen und Nennen seiner Bedürfnisse findet, wird sich leicht eingliedern. Jemand, der abwartet und nach klaren Regeln sucht, wird sich eher unwohl fühlen und im schlechtesten Fall ganz zurückziehen.

Jürgen Bolten
Jürgen Bolten ist Professor für Interkulturelle Wirtschaftskommunikation an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Gastdozent an Universitäten weltweit. Außerdem ist er Herausgeber des „Intercultural Journal“ und veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Werke.
Wann ungefähr und wieso schwächt das anfängliche, euphorische Gefühl ab?

Wenn es ein solches euphorisches Gefühl gibt – was nicht sein muss – dann schwächt es ab, sobald der Alltag „normal“ wird. Da hilft es, weiterhin neugierig zu sein, das Glas als halbvoll und nicht als halbleer zu interpretieren.

Was passiert bei einem Kulturschock?

Man scheint handlungsunfähig zu werden, weil alles fremd ist und keine vertrauten Regeln mehr gelten. Allerdings können Informationen aus digitalen Medien viel von der „unüberwindbaren“ Fremde nehmen. Je intensiver man sich vorher mit seiner Zielregion beschäftigt, desto weniger besteht die Gefahr eines Kulturschocks. Digitale Stree-View-Exkursionen oder auch Skypes mit den Gastgebern können da sehr hilfreich sein.

Was für Gefühle können sich entwickeln, wenn man wieder zuhause ist?

Dadurch, dass der Bekanntenkreis und der Reisende sich getrennt weiterentwickeln, kann sich die ursprüngliche, sehr vertraute Umgebung plötzlich fremd anfühlen. Darum sollte man zum Beispiel durch soziale Medien mit dem heimischen Freundeskreis verbunden bleiben und sich kontinuierlich austauschen.

Wie sehr kann ein längerer Aufenthalt im Ausland Einstellungen und den Charakter ändern?

Der ganz andere Blickwinkel und die Erfahrungen im Ausland können großen Einfluss auf die eigene Persönlichkeitsentwicklung haben. Man wird in der Regel selbstsicherer, „erwachsener“ und innerlich cooler.

Manche Menschen sind ihr Leben lang getrieben vom Fernweh, andere wollen ihr Zuhause eigentlich niemals verlassen – Wieso gibt es diese starken Unterschiede? Wovon hängen sie ab?

Meistens von der Persönlichkeit. Die Einen benötigen klare und feste Regeln, gewohnte Strukturen; die Anderen probieren gerne Neues aus und nehmen Unsicherheit eher in Kauf.

 

Interview: Juliane Lange
Teaserbild: Lena Schulze

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