Brief an …

Liebe (deutsche) Sprache

SPIESSER-Autorin Viv sinniert über die deutsche Sprache.

28. Oktober 2019 - 09:12
SPIESSER-Autorin VivElla.
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VivElla Offline
Beigetreten: 29.11.2018

Liebe Sprache, 

du bist stetig im Wandel, veränderst dich, wächst – und doch bleibst du dieselbe. Du bist immer da für mich, meine ständige Begleiterin in allen Lebenslagen. Du hilfst mir, meinen Weg zu finden, in manchen Situationen kann ich dich trotzdem einfach nicht finden. Daher denke ich, dass ich dir heute einmal sagen sollte, dass ich dich liebe. Von ganzem Herzen, aufrichtig und ehrlich. Auch wenn ich das nicht immer zeige, beschäftige ich mich doch jeden Tag mit dir. Du bist mein täglich Brot, meine Leidenschaft und meine Nemesis zugleich.

Du bestimmst nicht nur mein Leben Tag ein, Tag aus, nein, auch das von mehr als 81 Millionen Menschen. Vermutlich sogar noch mehr, wenn ich mir das recht überlege. Obwohl du schon sehr alt bist, muss man auf dich aufpassen, aufpassen, in welcher Weise du dich entwickelst und warum. Denn wenn wir nicht aufpassen, veränderst du dich zu sehr, zu stark und unwiderruflich.

Denn auf der einen Seite beeinflussen wir dich, doch du auch uns! Du kannst besonders einfach Einfluss nehmen auf die Art und Weise, wie wir denken. Das ist nicht neu. In Deutschland wurde diese Ansicht vor allem von Johann Gottfried Herder (1744–1803) und Wilhelm von Humboldt (1767–1835) unterstützt, seit den 1930er Jahren wird sie oft den amerikanischen Linguisten Edward Sapir (1884–1939) und Benjamin Lee Whorf (1897–1941) zugeschrieben.

Ok, du kannst also Menschen unterbewusst beeinflussen. Das ist ja im Allgemeinen nicht wirklich ein Problem, zumindest nicht im kleinen Stil. Jedoch machen sich eben diese deine Eigenschaft besonders gern Politiker zu Nutzen. Jedes Mal, wenn ich merke, dass genau das passiert, frage ich mich, was du wohl dazu sagen würdest. Aber obwohl du so viele Worte birgst, kannst du keine Meinung formulieren.

Aber ich schweife ab. Wie gesagt, du wirst besonders gern in der Politik als Werkzeug benutzt. Dann kannst du gefährlich werden, besonders wenn die Menschen nicht merken, wie sie durch dich gelenkt werden. Ein historisches Beispiel, das mir hierzu einfällt ist das NS-Regime. Erinnerst du dich? Du wurdest instrumentalisiert, damit sie ihre Ideologien verbreiten konnten. Hierzu versuchten sie dich zu verändern, verbiegen, ja neu zu erschaffen, sodass du ihren Idealen entsprachst. Obwohl du vieles verkraften kannst, haben zwölf Jahre Nazidiktatur ihre Spuren hinterlassen.

Aber du gabst dich nicht geschlagen. Mit Hilfe der Alliierten wurdest du entnazifiziert, wobei du eine erneute Veränderung durchmachen musstest. Eine Veränderung, die die Umdeutung vieler deiner Wörter beinhaltete. Hierzu gehören beispielsweise die weit bekannten Ausdrücke „entartete Kunst“ oder auch „Untermenschen“. Erinnerst du dich noch an diese Begriffe? Heute gehören sie nicht mehr wirklich zu deinem Repertoire. Andere Wörter, wie beispielsweise „Betreuung“, sind hingegen geblieben. Sie haben lediglich ihre Bedeutung geändert. Aus dem Hüllwort für den Mord an Menschen mit Behinderung wurde das sich Kümmern um andere. Wir Menschen haben schon vergessen, dass die Bedeutung einmal eine andere war, du jedoch nicht. Das lässt mich neugierig werden, neugierig, welche Geheimnisse du noch birgst, was mit deiner Hilfe noch entdeckt werden kann.

Denn wir müssen wachsam bleiben. Wachsam, damit sich die Geschichte nicht wiederholt. Momentan wirst du besonders von der AfD in eine Richtung gedrängt, in die du schon vor knapp 75 Jahren gedrückt wurdest. Du musst aufpassen, dass diese Politiker dich nicht wieder gefügig machen, dich instrumentalisieren um deine Nutzer zu beeinflussen, um ihnen ihre Ideologien unterzujubeln. Dann wie Joachim Scharloth, ein Sprachwissenschaftler der TU Dresden, untersucht hat, benutzen sie dich auf eine vergleichbare Art und Weise wie auch die Nazis im Zweiten Weltkrieg. Wie damals ist dies auch heute für einige schwer zu entdecken.

Daher möchte ich diesen Brief mit einer Bitte an den Leser schließen: Zeigt der Sprache ein bisschen mehr Liebe, indem ihr darauf achtet, was ihr sagt und wie ihr es sagt. Denkt darüber nach, ob die mitreißende politische Rede tatsächlich durch Inhalte oder eher dadurch, wie etwas gesagt wird, überzeugt. Ist es eure eigene Meinung, oder werdet ihr gelenkt? Denkt mal darüber nach.

 

Text: Vivienne Berg
Teaserbild: 
Photo by Joanna Kosinska on Unsplash

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Kommentare

Zwei Kommentare
  • Leserinnen ausgeschlossen ?
    Die Sprache kann auch feminine und andere Geschlechter ansprechen und die Autorin wohl auch.
    Passt so nicht.

  • Leserinnen ausgeschlossen ?
    Die Sprache kann auch feminine und andere Geschlechter ansprechen und die Autorin wohl auch.
    Passt so nicht.

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