Titelverteidiger

Abgehört: Leon Vynehall

Der britische Musiker und Produzent Leon Vynehall kehrt zwei Jahre nach seinem letzten erschienenen Werk „Rojus“ mit „Nothing is Still“ zurück. SPIESSERin Noelia hat sich mit dem Album der etwas anderen Art auseinandergesetzt.

18. Juni 2018 - 12:18
SPIESSER-Autorin Noe_SB.
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Noe_SB Offline
Beigetreten: 05.10.2017

Mit „Nothing is still“ präsentiert der Brite ein vielschichtiges, elektronisches und multimediales Album, das gleichzeitig sein Erstes ist. Darin erzählt er eine besondere und persönliche Geschichte: Die Einwanderung seiner Großeltern nach New York, die fast ein Jahrzehnt in der amerikanischen, nie schlafenden Metropole verbrachten. Eine Story, die sich über unterschiedliche Medien und Jahre erstreckt und sich um den gespaltenen Charakter von Stephanie Smith dreht: Literatur, Album, Film und Live-Performance. Lesen, Hören, Sehen und Fühlen. Um die die Beziehung zwischen Stephanie und New York komplett zu verstehen muss man ganz eintauchen. Aufbauend auf die Novelle und den hervorgebrachten Gefühlen der insgesamt zehn Kapitel, die auch jedem Album-Track parallel zuzuordnen sind, spielt der Brite mit Angst und Hoffnung – und mit dem Hörer.

Der erste Track „From the Sea“ beginnt mit einem cineastischen Mix, der an See und Wellen erinnert. Die melancholisch langsam voranschreitenden Elektro- und Violin-Klänge entpuppen sich im Laufe des aufgewühlten ersten Kapitels als Countdown. Der Hörer kann die Sekunden mitzählen: Schreitet etwas voran? Oder entfernt sich das Vertraute? Ein pochendes Herz – vor Freude oder Verlustangst? Im Kontrast dazu folgt der zweite Track, der mit seiner Harmonie und Besonnenheit die Angst wegspült. „Movements“ bedient sich smoother Jazz-Elemente vom Saxophonisten und Flötisten Finn Peters. „Trouble“ hingegen stellt einen dramatischen Bruch dar. Das sechste Lied des Albums ist bedrohlich, dunkel und mysteriös. Ganz anders als seine Vorgänger. “They come here to find an answer“ sagt die Stimme im vierten Track „Julia“. Antworten, nach denen sich die Hauptfigur und hoffnungsvolle Mutter Stephanie im „American Dream“ sehnt. Denn sie findet sich in diesem nicht wieder. Die junge Engländerin gibt das Leben als Individuum auf, um ihrer Familie ein komfortables Leben zu bieten. Ein Auf und Ab im Jahrzehnt der Veränderung aus der Sicht einer Engländerin, dessen Platz in der wandelnden amerikanischen Stadt schwer zu finden ist.

Durch die Ansprache mehrerer Sinne dringt das multimediale Werk von Leon Vynehall wirkungsvoll in den Hörer ein. Er wird zum Miterlebenden der Situation – die Beziehung zwischen Stephanie Smith und New York im Mittelpunkt. Dennoch bleiben viele Fragen offen. Soll er Hörer, Leser und Beobachter gleichzeitig sein oder der Reihe nach „handeln“ und den Ort und die Wirkung der Story erkunden? Ist er Neben- oder Hauptcharakter? Nun ja, den Verlauf kann er nicht ändern. Nur die Weise, wie er das Geschehene in diesem komplexen und fordernden Werk interpretiert und einordnet, hat er als neutraler Beobachter und Mittwissender fest in der Hand.

Ohrwurm: „Movements“
Hinhörer: „From the Sea“, „Drinking It In Again“, „Trouble“
Album in drei Worten: Zurück oder Weiter?
Passt zu: einer Nacht durch die Straßen New Yorks
Erinnert an: Laurence Guy

Nothing is Still

VÖ: 15.06.2018
Label: Ninja Tune

 

 

 

Text: Noelia Sanchez-Barón
Bildmaterial: Pressematerial

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