Titelverteidiger

Abgehört:
Wolfgang Müller

Drei Jahre hat Wolfgang Müller für sein neues Album „Die sicherste Art zu reisen“ gebraucht. Darin hat er einiges anderes gemacht und wird das erste Mal in seiner musikalischen Laufbahn auffallend politisch. SPIESSER-Autorin Anh hat reingehört und eine moralische Stütze für stürmische Zeiten gefunden.

06. April 2018 - 10:59
SPIESSER-Autorin whityhumbuk.
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whityhumbuk Offline
Beigetreten: 27.06.2012

Wolfgang Müller ist fest verankert in der Hamburger Musikszene. Mit der Gitarre bewaffnet streift er durch den hiesigen Singer-Songwriter-Dschungel und ist damit stets ein gern gesehener Gast in Shows wie TV Noir. Wiedererkennbar an seinem behutsamen Saitenzupfen und seinen klug durchdachten, oft tieftraurigen Texten.

Das Talent, zwischenmenschliche Episoden messerscharf durch Sprache zu vermitteln, ist auch in seinem sechsten Studioalbum „Die sicherste Art zu reisen“ zu hören. Doch angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen wollte Wolfgang Müller nicht mehr der ewig gefangene, traurige Liedermacher sein – Nein! Er lud sich eine ganze Band ins Studio, baute Witz und Leichtigkeit in seine Texte ein und verarbeitete alles, was er am heutigen Weltgeschehen nicht versteht, so wie er es am besten kann: mit guter Musik! Beispiel gefällig?

Der titelgebende Track der Platte ist eine dieser intelligenten Finten: suggeriert das Reisen an sich ein Lebensgefühl der Freiheit, beißt sie sich ganz grundsätzlich mit dem Motiv der Sicherheit. Wer sicher reisen will, lässt ganz automatisch ein bisschen Freiheit auf dem Weg zurück. Das ist dann vielleicht gemütlich und besonders einfach – aber ist es auch immer richtig? Im Lied kritisiert Müller Hate Speech und Trolle im Internet. Er behauptet nicht, eine Lösung zu haben, aber in knapp drei Minuten macht er deutlich: Am Ende muss das bessere Argument stehen, egal, ob andere einen dann als naiven Gutmenschen titulieren. Da müsse man drüberstehen. Dazu gehört auch sich heute (und in Zukunft immer mehr) „dem Unrecht verweigern/ mit einem Lächeln/ auf den Lippen/ wie ein Schwarzer-Block-Schlager“ – klingt bizarr, zaubert bei genauem Hinhören aber ein hoffnungsvolles Schmunzeln ins Gesicht.

Release-Shows
05.04.2018  München - Rationaltheater
06.04.2018  Berlin - Prachtwerk
07.04.2018  Hamburg - Nochtspeicher

Außerdem im Sommer u.a. hier zu Gast:
17.06.2018  Whatever Happens Festival - Bielefeld (Duo)
04.08.2018  Böblinger Songtage - Böblingen (mit Band)

Überhaupt ist „Die sicherste Art zu reisen“ das wahrscheinlich politischste Album in Wolfgang Müllers Karriere – und gleichzeitig das beschwingteste. Klingt widersprüchlich? Muss es auch! Denn das Ganze Hier und Jetzt ist Widerspruch, der nach keinem einfachen Schwarz-Weiß-Schema zu lösen ist. So sind die Lieder auch kein Nebenbeiprodukt zum Durchlaufen. Sie rütteln wach, machen aufmerksam, muntern auf und nehmen einen in den Arm, damit man nicht aufgibt, weil mal wieder etwas schief geht im Weltgeschehen – um eine kollektive Hilflosigkeit zu verhindern.

Deswegen verleiht neben der Gitarre ein ganzes Ensemble aus Bass, Schlagzeug, Klavier und Bläsern diesem Album ein verspieltes, buntes und lachendes Klangbild. Damit wir den Optimismus nicht vergessen! Ein besonders Mut gebendes Lied ist „Auf der Leine“. Da heißt es: „Zwei Brüder sollt ihr sein/ wenn der eine fällt/ muss der andere weinen/ was der eine nicht schafft/ wird dem anderen gelingen/ und wenn der eine weint/ soll der andere singen“. Ich bekomme ein bisschen Gänsehaut von diesen Zeilen und es wird nicht besser als in der Mitte des Albums ein Cover meiner Lieblings-Deutschpunk-Band „Turbostaat“ ertönt. Was Wolfgang Müller da aus „Vormann Leiss“ macht, ist zwar alles andere als Punk, aber es vermittelt so gut das Gefühl dieses Albums – „Wir können alles und alles können wir sein“. Wir müssen in schwierigen Situationen nur die richtigen Entscheidungen treffen – zusammenhalten. Eine moralische Stütze und Hilfe kann dann „Die sicherste Art zu reisen“ von Wolfgang Müller sein.

Ohrwurm: Auf der Leine
Hinhörer: Die sicherste Art zu reisen
Album in drei Worten: klug, beschwingt, zynisch
Passt zu: einem Sonntags-Brunch mit Freunden, bei dem man lebhaft über das Weltgeschehen diskutiert
Erinnert an: Moritz Krämer, Gisbert zu Knyphausen, Kettcar

„Die sicherste Art zu reisen“ von Wolfgang Müller

 

: 06.04.18
Label: Fressmann

 

 

 

Text: Anh Tran
Teaserbild: © Themroc PR & Promotion

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