SPIESSERs gute Welt

Tafel deck dich

Viele von uns sind es gewöhnt, ein- oder zweimal die Woche im Supermarkt einzukaufen. Aber wo gehen die Leute hin, die dafür nicht genug verdienen oder kein regelmäßiges Einkommen haben? SPIESSERAutorin Marie hat bei einer Spätausgabe der Dresdner Tafel mitgeholfen und herausgefunden, wie diese Menschen dennoch ihren heimischen Tisch mit Leckereien füllen können.

23. November 2018 - 09:43
SPIESSER-Autorin TastenMöhre.
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TastenMöhre Offline
Beigetreten: 04.09.2012

Als ich bei der Dresdner Tafel ankomme, werde ich gleich mitten ins Geschehen der Vorbereitungen für die Spätausgabe geworfen. In der großen Lagerhalle wuseln überall Menschen herum und verräumen Lebensmittel oder prüfen ihren Zustand. Ich bin überrascht, wie gut die Qualität des Obsts und Gemüses ist, schließlich wurde dieses von Supermärkten abgegeben, die es nicht mehr verkaufen können. Die meisten Leute, die hier so fleißig am Werkeln sind, sind ehrenamtliche Mitarbeiter. So auch die beiden Studenten Dennis und Peter, die für die Backwarenausgabe zuständig sind. Die beiden nehmen mich unter ihre Fittiche und ich erhalte erstmal ein schönes Paar blaue Einweghandschuhe. Die brauche ich hier, weil die Kunden sich aus Hygienegründen die Ware aus den roten Bäckerkisten nicht selbst nehmen dürfen.


Handschuhe sind Vorschrift.
Willst du vier, bekommst du sechs

Ich merke schnell, dass die Ausgabe hier nicht wie bei einem Bäcker verläuft. Die beiden Jungs packen den Kunden Brötchen in Tüten, was das Zeug hält. Nicht selten höre ich den Satz: „Ach komm, da geht noch was. Ich pack dir noch zwei Stück als Bonus ein.“ So langsam fängt die Ausgabe an, mir Spaß zu machen. Ich preise süße Teilchen, Brötchen und Brot an  und bin immer sehr glücklich, wenn ich einen großen Beutel voll Backware an einen Kunden ausgeben kann. Ich will wissen, warum die beiden so viel wie möglich von den Lebensmitteln loswerden wollen. Dabei erfahre ich, dass die übrigen Backwaren am Ende des Tages weggeschmissen werden. Wie viel am Ende wirklich weggeworfen wird, ahne ich zu dem Zeitpunkt noch nicht und packe weiterhin fleißig Rosinenbrötchen, Laugenbrezeln und sogar Tortenstücke ein.


Gepackt vom Ehrgeiz packt Marie viele Tüten voll.
Jeder Tag ist wie eine Wundertüte

Während einer kurzen Pause lasse ich meinen Blick hinüber zur Kasse schweifen und bin überrascht: Der Mitarbeiter dort scannt die Lebensmittel aus den Einkaufswägen der Kunden gar nicht! Ich wundere mich, wie der Preis der Lebensmittel berechnet wird und erfahre, dass bei der Tafel alle Dinge in Einheiten verkauft werden. „Eine Einheit kostet immer 25 Cent, aber wie viel eine Einheit ist, schwankt täglich je nach Verfügbarkeit der Ware“, erklärt mir einer der Tafelmitarbeiter. Es gibt eine Liste mit Richtwerten dazu, was eine Einheit ungefähr sein soll. So sind zum Beispiel fünf Bananen oder zehn Brötchen eine Einheit oder vier große Joghurts. Außerdem entdecke ich überall an den Wänden Schilder, auf denen die Kunden gebeten werden, ihre eigenen Beutel für Obst, Gemüse und Backwaren mitzubringen. Leider haben nur die wenigsten auch tatsächlich welche dabei. Die meisten legen ihr Gemüse einfach so in den Einkaufswagen und bei den Backwaren liegen Tüten, in die ich die Ware für die Kunden einpacken kann. Egal, ob Mülltüte oder Stoffbeutel, einige sind auf ihren Einkauf gut vorbereitet und Brötchen kann man in fast allem transportieren. Eine Familie packt sogar einen Tortenbutler aus, um Kuchen mitzunehmen. Das wird mit dem – wohlgemerkt nicht gerade kleinen – Rest einer Star-Wars-Torte belohnt.


Die Qualität der Waren überrascht Marie positiv.
Viel kommt weg und vielen wird geholfen

Nach einigen Stunden nimmt der Kundenstrom ab und wir beginnen aufzuräumen. Wir packen die übrig gebliebenen Backwaren zusammen und bringen sie ins Lagerhaus, wo sie gesammelt und später zur Entsorgung gebracht werden. Wie viele Lebensmittel dort bereits stehen, schockt mich sehr. Zwar bekommen Bauern die Reste von Obst und Gemüse, aber alles andere wird einfach weggeschmissen.

Sehr nachdenklich mache ich mich an die letzte Aufgabe, das Durchfegen und Wischen, und dann dürfen die freiwilligen Helfer und ich nach Hause gehen. Nach dem Abend werde ich auf jeden Fall darüber nachdenken, selbst bei der Tafel ehrenamtlich mitzuwirken. Ich kann es nur jedem empfehlen, einmal bei der örtlichen Tafel nachzufragen, wie man sie unterstützen kann. Denn man lernt dabei nicht nur sehr viele nette Menschen kennen und hilft dem einen oder anderen in einer schwierigen Situation, sondern wirkt auch ein klein wenig der immensen Lebensmittelverschwendung entgegen.

 

Text: Marie Schäfer
Bilder: Matthias Popp

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