SPIESSER Beschäftigungstherapie

Der Sound der Straße

Mit Straßenmusik berühmt zu werden, das klingt nach einer hoffnungslosen Angelegenheit. SPIESSER-Autorin Dena hat den Straßenmusiker Franz Bargmann bei seiner Arbeit begleitet und hatte dabei mit eisiger Kälte, strengen Sicherheitsbeamten und harter Konkurrenz zu kämpfen.

19. Mai 2015 - 16:26
SPIESSER-Autorin Dena.
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Dena Offline
Beigetreten: 13.09.2013

Voll in eurem Element
Auch draußen spielen will gelernt sein. Wie euch die perfekte Sandburg gelingt, wo ihr die beste Luft atmet und wie ihr dabei auch noch euren Astralkörper stählt, lest ihr im Elementespielekasten.

Schummriges Licht, es riecht nach abgestandenem Zigarettenrauch und aus den Ecken des Bahnhofs steigt einem der Geruch von Urin in die Nase. Die Rolltreppen-Reling brummt, aus dem Schacht ertönt das Warnsignal der Bahntüren. Mit seinem Fuß tippt Franz auf das Gerät, das aussieht wie ein Pedal, eine sogenannte Loop-Station. Sie speichert live gespielte Sequenzen und wiederholt sie als Schleife, sodass Franz andere Teile seiner Musik darüber legen kann. Ein einzelner Musiker klingt damit wie eine ganze Band.

Vom Tourbus auf die Straße

Kopenhagen, Sankt Petersburg, Texas – vor weniger als einem Jahr ist Franz Bargmann noch mit seiner Band durch die Metropolen dieser Welt getourt. Jetzt sitzt der Gitarrist zusammengesunken auf seinem Zehn-Watt-Verstärker in einem Kreuzberger U-Bahntunnel, alleine. Die Kapuze seines zerfransten Bundeswehr-Parkas hängt ihm tief ins Gesicht. Die blonden Strähnen bedecken seine Augen. Mal entlockt er seinem Instrument bittersüße, mal trostlose Töne. Franz, der seine Kindheitsträume schon gelebt hat, muss wieder bei Null anfangen.

Ich treffe Franz, weil er der Straßenmusiker an meinem U-Bahnhof ist, an der Berliner Schönleinstraße, einer Haltestelle an der Grenze von Kreuzberg zu Neukölln. Seine Geschichte interessiert mich auf Anhieb, weil er sich für ein Leben entschieden hat, das für mich wie russisches Roulette aussieht. Es gibt keine Kompromisse: Draußen auf der Straße muss man es irgendwann schaffen – vielleicht ein Star werden – ansonsten bleibt man für immer dort oder noch schlimmer: man landet früher oder später in der Gosse.

„Ich suche den Ton, der berührt“
Feuer
• Ab nach draußen in die Sonne! Am besten zwischen 10 und 14 Uhr. Eine viertel Stunde sonnenbaden reicht völlig aus, damit euer Körper das wichtige Vitamin D produzieren kann. Es ist für sämtliche Regulierungsvorgänge im Körper essentiell.
• Buchen- oder Ahornholz sind ideal für ein gemütliches Lagerfeuer. Vergesst dabei aber nicht einen Eimer mit mindestens zehn Litern Wasser zum Löschen danebenzustellen.
• Droht ein Gewitter, solltet ihr euch hüpfend und mit geschlossenen Beinen
in Sicherheit bringen. So verhindert ihr, dass die Spannung eines einge-schlagenen Blitzes in euren Körper fließt.

Warum wird man heute in Zeiten von YouTube und schnellem Erfolg noch Straßenmusiker? Ist das nicht etwas, was längst aus der Zeit gefallen ist? Franz sagt: „Ich suche den Ton, der berührt, der alles eliminiert, uns alles vergessen lässt.“ Sein Grundprinzip: sich selbst treu bleiben, nicht wie der Mainstream spielen – noch 90 Minuten bis der Verstärker keinen Saft mehr hat.

Franz ist traurig. Traurig über das Aus mit der Band. Traurig, dass er auf der Straße spielen muss, weil er ansonsten nur zu Hause spielen könnte. Seine Musik erinnert an Klangwüsten, wie lange Durstmärsche. Aber Franz hofft auf die nächste Oase: „Auf der Straße lernst du Leute aus Schweden oder Argentinien kennen und die tragen das weiter.“ Was er damit meint: In Berlin werden Talente immer wieder von der Straße auf die großen Bühnen der Welt geholt. So geschehen mit Franz’ ehemaliger Band. Warum die Band so nicht mehr existiert, will er mir nicht erzählen. Nur soviel: Es gab richtig Zoff.

Ich habe Franz das erste Mal auf dem Heimweg getroffen. Seine Musik hat mir direkt gefallen und ich blieb eine Weile bei ihm stehen. Nach einer Weile wurde mir kalt. Es war Winter.

„Die Scheißgitarre an die Wand hängen“?

Mir fällt auf, dass der Ringfinger seiner Linken den Gitarrenhals nicht berührt – die Sehne des Fingers hat sich bereits vor Monaten entzündet. „Ich bin eines Morgens aufgewacht und meine Hand fühlte sich an wie ein Klotz.“ Das war zeitgleich mit der Trennung von seiner Band. Operieren lassen wollte er sich nicht. „Ich esse lieber eine Zwiebel oder einen Brokkoli, um gesund zu werden,“ sagt er und lacht. Er nahm sich nach dem Ende der Band eine kurze Auszeit, drei Wochen. Immer wieder kamen ihm da Zweifel: „Ich hatte daran gedacht, die Scheißgitarre an die Wand zu hängen. Habe damals überlegt, ob ich nicht lieber etwas ganz anderes machen sollte – im Krankenhaus arbeiten zum Beispiel.“ Doch nach ein paar Wochen trieb es ihn wieder aufs Straßenparkett.
 

Rebellion gegen „die da oben“
Erde
Sandburg. Besonders stabil wird sie, wenn euer Sand ein Prozent Feuchtigkeit besitzt.
• Unter freiem Himmel schlafen ist out, in echten Höhlen dafür umso angesagter! Die findet ihr beispielsweise im Nationalpark Sächsische Schweiz. Boofen heißt das dort.
• Tauscht das Fitnessstudio gegen Opas Schrebergarten. Unkraut jäten und Beete umgraben freut nicht nur Opa, sondern auch euren Körper.

Straßenmusiker gibt es schon seit vielen hundert Jahren. Immer schon hatten sie etwas Eigenwilliges an sich. Früher sangen sie Spottlieder gegen die Kirche oder gegen die Obrigkeit. Kein Wunder also, dass es immer schon Regeln und Einschränkungen für Musiker auf der Straße gab. Diese sind von Ort zu Ort sehr unterschiedlich: In München müssen Musiker ein Casting bestehen, bevor sie eine Straßengenehmigung bekommen. In kleinen Städten dagegen gibt es teilweise gar keine festen Gesetze. Berlin hat strenge Regeln für Straßenmusiker und sie treffen nicht nur politische Liedermacher, sondern auch junge Musiker wie Franz, die auf der Straße spielen, um besser zu werden und einmal groß rauszukommen.

Kottbusser Tor? Zu viel Polizei!

Wir sind wieder am U-Bahnhof Schönleinstraße, einige Wochen nach meiner ersten Begegnung mit Franz. Es ist 22:30 Uhr an einem Donnerstagabend im Frühjahr. Franz kommt mir mit dem Fahrrad entgegen. Nie fährt er Bahn. Er schließt es am Gitter des Bahnhofeingangs an, steigt die Treppen hinunter, steuert seinen gewohnten Platz an. Doch zwischen den zwei Pfeilern, da wo ihn die Überwachungskameras nicht sehen können, sitzt schon ein anderer! Und spielt Cello.

In einer Stadt wie Berlin ist die Konkurrenz zwischen den Straßenmusikern groß. Die Plätze, an denen man spielen kann, sind rar. An vielen Orten ist Musizieren verboten, die Security der Berliner Verkehrsbetriebe kommt dort direkt nach dem ersten Saitenschlag. Franz geht mit mir seine Liste an möglichen Plätzen durch: Auf der Warschauer Brücke? Um diese Jahreszeit zu kalt. Kottbusser Tor? Zu viel Polizei. Südstern? Zu wenig los.

Kunst statt Knete
Wasser
• Macht beim Schwimmen einen großen Bogen um Felsen, Bäume oder Brückenpfeiler, denn dort können sich
gefährliche Strömungen bilden.
• Arschbomben kann jeder. Dabei gilt die Faustregel: Je größer der Krater, den ihr ins Wasser reißt, desto höher ist eure Spritzfontäne.
• Vergesst beim Rumtoben das Trinken nicht. Dabei solltet ihr pro Kilogramm Körpergewicht 30 bis 40 Milliliter Wasser pro Tag in euch schütten bei 50 Kilo sind das immerhin rund zwei Liter. Wenn ihr viel schwitzt auch mehr.

Er macht kehrt, geht wieder nach oben, wir setzen uns auf eine Parkbank in der Nähe. Ich habe eine Thermoskanne dabei und biete ihm eine Tasse Tee an. Wäre er doch eine halbe Stunde früher gekommen, sagt Franz. Während wir Tee trinken, dreht sich eine obdachlose Frau zu uns um: „Ich brauche 70 Cent.“ – „Tut mir leid“, sagt Franz, „Hab auch nix verdient.“

Manchmal muss er sich darauf zurückbesinnen, dass es ihm um die Kunst geht und nicht um das Geld. „Sonst macht die Sache, die du eigentlich liebst und für die du kämpfst, weniger Spaß.“ Natürlich hat auch er Unterstützer, die ihm Kraft geben. Zum Beispiel ein befreundeter Musiker, der mehr Erfahrung und eine Band hat. Als Franz sein Instrument an den Nagel hängen wollte, konnte er für einige Konzerte in dessen Band spielen. „Dadurch hab ich mich selbst wieder gefunden“, sagt Franz heute.

Fernab von Alltag

Franz’ Leben fasziniert mich, trotz Konkurrenz und Kälte. Ich kann sehen, dass er seine Arbeit gerne macht. Aber wenn er mal keine Lust hat zu spielen, dann lässt er es. Er lebt fernab von dem, was ich und 80 Millionen Bundesbürger wahrscheinlich als Alltag verstehen. Wann er will, steht er auf und geht ins Bett, wann er Lust hat. Mehrmals wollte ich ihn beim Spielen begleiten. Oft hat er dann kurzfristig abgesagt, weil er es sich anders überlegt hatte. Franz lebt im Hier und Jetzt. Eine echte Künstlerseele eben.

Wir sitzen noch auf der Parkbank, da spricht ihn schon der Nächste an: Ein Mann mit buntem Schal, der eine Bierflasche in der Hand hält. Er hat die Gitarre gesehen, die Franz immer noch auf dem Rücken geschultert trägt. „Was für Musik spielst du denn?“, fragt der Schalträger. „Rock“, sagt Franz. Der Mann überhört Franz Antwort und fragt: „Flexibel?“. Das gefällt Franz, er lacht. Nach einer Stunde warten und im Kalten sitzen, gibt Franz sich doch noch einen Ruck, schaut im U-Bahntunnel nach dem Cellisten. Der heißt Charles, hat lange dunkelbraune Dreads und ist immer noch am Musizieren. Aber er sagt, wenn Franz ihm von den Münzen, die er gerade verdient hat, ein Bier beim Späti hole, überlässt er ihm den Platz. Franz kauft die Flasche, sich selbst nichts und läuft wieder herunter.

Lizenz zum Spielen

Kaum unten angekommen nähern sich Franz und Charles zwei Männer in dunkelblau-neongelben Uniformen. Charles hat sein Cello weggelegt undsich eine Zigarette angezündet. Zunächst soll Charles seine Kippe ausmachen. „Eine Genehmigung ham se wahrscheinlich nich?“, sagt der Sicherheitsbeamte,
– „Wär’ schön, wenn’se vor unseren Augen zusammenpacken könnt’n!“ Erst als Franz wieder oben auf der Straße steht, schimpft er los.

Luft
• Wie wär‘s mit einem Trip nach Freiburg im Breisgau? Dort atmet ihr die sauberste Luft, die es in deutschen Großstädten gibt.
• Wandern im Wald mag langweilig sein, aber unheimlich gesund. Forscher wissen, die Luft von Moos und Tannen entspannt uns schon nach nur fünf Minuten.
• Den Mund halten solltet ihr beim Fallschirmspringen und stattdessen durch die Nase atmen. Wer will schon, dass sämtliches Getier mit 200 km/h und mehr im Mund landet?!

In Deutschland regiert die Bürokratie, selbst die Straßenmusik kommt daran nicht vorbei. Die Beför-derungsbedingungen des öffentlichen Nahverkehrs besagen, Fahrgästen ist es „insbesondere untersagt“, Musikinstrument zu benutzen. Wer in Berliner U-Bahnhöfen musizieren will, muss sich gegen sieben Euro eine der 750 Straßenmusiker-Lizenzen holen, die die BVG jährlich vergeben. Die gilt eine Woche für einen bestimmten U-Bahn-Tunnel und muss nach Aufforderung vorgezeigt werden. Das Problem: Eine solche Lizenz bekommt man nur bei nicht elektronischen Instrumenten, wie Akustik-Gitarren oder sogar Schlagzeugen. Franz spielt E-Gitarre. Deswegen spielt er ohne Genehmigung, sagt er.

Von Neil Young inspiriert

Wie für fast alle zugezogenen Straßenmusiker ist der Berliner Untergrund auch für Franz ein Wallfahrtsort. Franz stammt aus einer verschlafenen Stadt in Sachsen, aus der Nähe von Chemnitz. In seiner Heimat gibt es Berge und absolute Stille, ein Schloss und Motorräder, aber nichts zu holen für ihn. Zur Musik war er durch seinen Vater gekommen. Der spielte ihm Neil Young vor. Keep on rockin’ in the free world. Mit 14 hatte er zum ersten Mal eine Gitarre in die Hand genommen. „Ich wollte einfach die Songs mitspielen.“ Und das tat er, ohne jemals Musiknoten gelernt zu haben, stattdessen improvisierte er. Er gründete eine Band. Als das Gebäude, in dem die Proberäume waren, abgerissen und durch einen Discounter ersetzt wurde, beschloss er, nach Berlin zu gehen, um groß rauszukommen. Studieren oder eine Ausbildung
machen wollte er nie.

Resonanz von Passanten: hart und ehrlich

Sonntagmittag an der Berliner Warschauer Straße. Die Sonne strahlt, der Himmel ist knallblau. Im Ausgehviertel von Berlin treffe ich Franz zum Fototermin. Er ist schon da, sitzt auf seinem Verstärker und beginnt zu spielen. Dabei schaut er konsequent auf seine Schuhe oder den Boden. Er sagt: „Wenn ich spiele, vergesse ich alles um mich rum und auch mich selbst.“

Text und Fotos: Dena Kelishadi

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