Kinofeeling

Elle

Gleich drei Oscar-Nominierungen untermauern die Qualität des Films „ELLE“. Der Thriller ist aber auch harter Tobak, in dem nicht nur die Filmcharaktere eine ganze Menge verarbeiten müssen, findet SPIESSERin Bianca.

22. Februar 2017 - 11:23
SPIESSER-Autorin BibiBernhard.
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BibiBernhard Offline
Beigetreten: 09.07.2014

Worum geht's?

Als Startbild eine graue Katze. Im Hintergrund klassische Musik, gepaart mit Gestöhne und Geschrei. Eine abstruse Szene. In den ersten Minuten von „ELLE“ wird Michèle, die erfolgreiche Chefin einer Videospielefirma, von einem maskierten Verbrecher in ihrem eigenen Haus vergewaltigt. Zunächst macht es den Anschein, als würde Michèle der Vorfall kalt lassen. Sie handelt rational: Räumt die Scherben weg, die durch den Kampf entstanden sind, trifft sich noch am selben Abend mit ihrem Sohn zum Abendessen, lässt am nächsten Tag die Schlösser ihres Hauses austauschen – ihr Alltag läuft weiterhin präzise und kalkuliert in seinen geregelten Bahnen.


Michéle versucht weiterhin die selbstbewusste Frau
zu spielen.

Doch ihr Vergewaltiger kehrt zurück, in Flashbacks und in Nachrichten, die deutlich machen, dass er in ihrer Nähe ist.  Michèles Leben wandelt sich. Umspielt von Nebengeschichten um ihren Sohn, ihre Affären und die eigene dramatische Familienvergangenheit, beginnt eine gefährliche Suche nach dem Mann, der ihr die Sicherheit nahm und der Michèle trotzdem anzieht. Nie verfällt Michèle in die Opferrolle. In allem, was sie tut, wirkt sie bis auf das Äußerste kontrolliert und handelt trotzdem oft unvorhersehbar. Erklärungen werden nicht geliefert – das bleibt den Zuschauern übrig.

Wer spielt mit?

In dem Genrefilm, basierend auf dem Roman „Betty Blue“ von Philippe Djians, steht die französische Schauspielerin Isabelle Huppert als Michèle in der Hauptrolle. „ELLE“ ist nicht nur für den Oscar-Beitrag 2017 als „Bester fremdsprachiger Film“ ausgewählt, Paul Verhoeven ist für die „Beste Regie“ nominiert und Huppert hat Chancen auf einen Oscar als „Beste Hauptdarstellerin“.

Auch Michael Gwisdek („Oh Boy“) und Thomas Thieme („Das Leben Der Anderen“) sind dem Zuschauer als feste Film- und Fernsehgrößen bekannt und entwickeln glaubhaft berentete DDR-Agenten. Antje Traue(„Seventh Son“) geht neben diesem Aufgebot mit der einzigen weiblichen Hauptrolle nicht unter – stattdessen gelingt es ihr, ein Spektrum von verletzter Tochter, kühler Agentin und verführerischer Zimmerdame abzurufen.

Auf einen Blick
Action: ✪ ✪ ✪   
Romantik: ✪ ✪
Humor: ✪ ✪ ✪
Niveau: ✪ ✪ ✪ ✪
Bildungsfaktor: ✪ ✪ ✪
Filmischer Augenschmaus?

Der Film ist klassisch französisch: Eine Mischung aus Rache, Affären und Familiendrama im ganz großen Stil. Was den Film so einzigartig macht, sind zwei Dinge. Zum einen ist es die außergewöhnliche schauspielerische Leistung von Isabelle Huppert. Zum anderen besticht der Film durch seine Andersartigkeit. Eine Mischung aus vielen Themen, die einen Kloß im Magen hinterlassen, werden mit trockenem Humor und ohne moralische Wertung präsentiert.

Gibt's was zu meckern?

Manchmal möchte man die Charaktere packen und kräftig durchschütteln. Michèle, die keine einzige gewöhnliche Reaktion zeigt. Ihren Sohn, der sich von der Freundin blenden lässt. Die Affäre, die ja eigentlich der Mann Michèles bester Freundin ist – Was ist falsch mit euch?

Braucht man Taschentücher?

Der ungeahnte Humor lockert vieles auf, was sonst zu Bächen auf den Zuschauerwangen führen würde. Doch den zarter besaiteten Zuschauer werden sich trotzdem das ein oder andere Mal Tränen aus den Augenwinkeln kullern, also lieber vorsorglich die Taschentücher einpacken.

Mit wem angucken?

Mit einer Kinobegleitung, die über den trockenen Humor lachen kann und in den richtigen Momenten still ist, um sich von der Ernsthaftigkeit erdrücken zu lassen. Ein Film, den man selbst im Kino auch mal alleine schauen kann.


Michéle und eine ihrer Affären.
Was macht man danach?

Einen Spaziergang, bei dem man öfter als sonst über die Schulter blickt und beim Heimkommen die Türen und Fenster doppelt abschließen.

In 3 Worten:

Provokant. Wertfrei. Humorvoll.

 

Große Leinwand oder kleiner Bildschirm?

Erst auf der großen Leinwand schauen, halbwegs verarbeiten und dann noch einmal zuhause auf der Couch auf dem eigenen Bildschirm.

Mainstream oder Independent?

Ein Film, den man mit wenig vergleichen kann: Independent.

ELLE

Regie: Paul Verhoeven (u.a. „Basic Instinct“ und „Robocop“)
Schauspieler: Isabelle Huppert (u.a. „Alles was kommt“), Laurent Lafitte, Anne Consigny, Charles Berling
Kinostart: 16. Februar 2017
Länge: 130 Minuten
Genre: Thriller
FSK: 16

 

 

Text: Bianca Bernhard
Bildmaterial: © MFA+ FilmDistribution

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