Kinofeeling

Kinofeeling:
Nur ein Augenblick

Brutalität, Leid, tausende Tote – all das sind Worte, die wir mit dem Krieg in Syrien assoziieren. Die meisten von uns kennen dies nur aus den Medien. Aber wie ist es, wenn man selbst mittendrin in diesem Krieg ist und vor allem: Wie kommt man wieder raus? All das sind Fragen, mit denen sich der neue Film „Nur ein Augenblick“ beschäftigt, der ab 13. August in die Kinos kommt. SPIESSER-Autorin Lara fiel es manchmal schwer hinzuschauen.

25. August 2020 - 13:09
SPIESSER-AutorIn rasolara.
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rasolara Offline
Beigetreten: 08.06.2020

Worum geht’s?

Der junge Syrer karim wird von seinen Eltern nach Deutschland geschickt, um zu studieren und so eine hoffnungsvolle Zukunft vor sich zu haben. In Hamburg lebt er mit seiner Freundin Lilly, einer Isländerin. Die beiden führen ein glückliches Leben und erwarten bald Nachwuchs. Karims Familie samt Bruder Yassin plant, nach Deutschland nachzukommen. Doch eines Tages erhält Karim einen Anruf seines Bruders, der in Syrien geblieben ist, sich dem Kampf gegen das Assad-Regime angeschlossen hat und nun im Gefängnis grausamer Folter ausgeliefert ist. Karim beschließt, sich auf die Suche nach seinem Bruder zu begeben. Schnell findet er sich selbst mitten im syrischen Krieg wieder – als Kämpfer. Als er später wieder nach Deutschland zurückkehrt, ist er durch all die furchtbaren Erlebnisse in Syrien nicht mehr derselbe wie zuvor.

Wer spielt mit?

Der Protagonist des Films, Karim, wird von Mehdi Meskar gespielt („Tatort Saarbrücken: Der Pakt“) Karims Freundin Lilly wird von Schauspielerin Emily Cox („The Last Kindom“, „jerks.“) verkörpert. Zu den Hauptcharakteren zählt außerdem Max, ein Kommilitone und guter Freund von Karim. Jonas Nay, bekannt aus der Serie „Deutschland 83“, besetzt diese Rolle. Amira Ghazalla und Husam Chadat spielen die Eltern von Karim.

Auf einen Blick
Action: ✪ ✪ ✪ ✪ ✪
Romantik: ✪ 
Humor: 
Niveau: ✪ ✪ ✪ ✪
Bildungsfaktor: ✪ ✪ ✪ ✪
Filmischer Augenschmaus?

Der Film startet im Arabischen Frühling 2011, setzt fünf Jahre später in Karims neuem Wohnort Hamburg fort, begleitet den jungen Mann im syrischen Krieg auf der Suche nach seinem Bruder und schließlich mit all den traumatischen Erlebnissen zurück in Deutschland. Dabei wird schonungslos die Brutalität des Syrienkriegs gezeigt, beispielsweise auch die Hinrichtung eines jungen Mannes. Es ist erschütternd, wie man während des Zuschauens merkt, dass Karim zunehmend abstumpft und schließlich selbst mehrere Personen tötet.

Während Lilly in Hamburg ihr Kind zur Welt bringt, erfährt Karim im gleichen Augenblick, dass sein Bruder Yassir getötet wurde. Das jeweilige Leid und die Schmerzen der beiden stellt Regisseurin Chahoud dar, indem sie die Schreie der beiden ineinander übergehen lässt.

Eine Szene möchte ich hervorgeben, die mir besonders im Gedächtnis geblieben ist: Auf der Suche nach demjenigen, der seinen Bruder getötet hat, begibt Karim sich auf einen Jahrmarkt in Brandenburg. Dort trifft er an einem Schießstand auf den Gesuchten. Karim hat zum ersten Mal seit seinen Kriegserfahrungen eine Waffe in der Hand. Sein Gesicht ist angespannt, man kann nur vermuten, welche Bilder im Inneren vor ihm wieder erscheinen.

„Nur ein Augenblick“ versucht zu zeigen, wie ein junger Mensch, der eigentlich nur seinen Bruder retten will, selbst zum Kämpfer und für den Tod anderer verantwortlich wird, schreckliche Taten erlebt und letztendlich traumatisiert in sein altes Leben zurückkehrt.

Ihr wollt den Film sehen?
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Gibt’s was zu meckern?

Das Ende des Films bleibt sehr vage. Wie geht Karim mit seinen traumatischen Erlebnissen um? Begibt er sich in psychologische Betreuung? Kann Lilly mit ihm und dem gemeinsamen Sohn als kleine Familie weiterleben? – All das sind Fragen, die offen bleiben. Andererseits ist der Film bereits fast zwei Stunden lang, insofern würde eine Beantwortung womöglich den Rahmen sprengen.

Braucht man Taschentücher?

Die brutalen Szenen können für Schweißperlen auf der Stirn sorgen, ein Taschentuch in greifbarer Nähe schadet als nicht. Häufig gibt es auch Momente, in denen man am liebsten gar nicht hinschauen will.

Mit wem angucken?

Am besten sucht ihr euch jemanden, der oder die politisch interessiert ist und einen Einblick in den grausamen Alltag des Syrienkriegs wagen will. Da Kriegsszenen sehr authentisch dargestellt werden, solltet ihr laut FSK-Freigabe mindestens 16 Jahre alt sein.


Kann Karim nach seinen traumatischen Erlebnissen
jemals wieder ein normales Leben führen?
Was macht man danach?

Ich habe mich danach ausführlicher mit dem Krieg in Syrien beschäftigt, denn dieser ist äußerst komplex und daher nicht so einfach zu verstehen. Als knappe Zusammenfassung kann ich dieses Video von MrWissen2go empfehlen.

In drei Worten:

Brutalität, Krieg, Trauma

Große Leinwand oder kleiner Bildschirm?

Ob kleiner Bildschirm oder große Leinwand – „Nur ein Augenblick“ zeigt schonungslos die brutalen Handlungen des Krieges. Da spielt die Größe des Bildschirms absolut keine Rolle.

Mainstream oder Independent?

Allen voran die mit dem syrischen Krieg einhergehende Flüchtlingskrise seit 2015 ist bereits in einigen Filmen umgesetzt worden. Regisseurin und Drehbuchautorin Randa Chahoud wagt eine andere Perspektive und zeigt mit Karim einen jungen Mann, der sich (eigentlich bereits in Deutschland angekommen und integriert) wieder zurück ins syrische Kriegsgebiet begibt und selbst zum Kämpfer wird. Von daher würde ich „Nur ein Augenblick“ nicht als Mainstream einordnen.

Nur ein Augenblick

Regie: Randa Chahoud
Darsteller: Mehdi Meskar, Emily Cox, Jonas Nay, Marwan Moussa, Tariq Al-Saies u.a.
Filmstart: 13. August 2020
Filmlänge: 108 Minuten
Genre: Drama, War
FSK: 16

 

Text: Lara-Sophie Radach

Bildmaterial: Sören Schult/Neue Impuls Film

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