Kinofeeling

Filmfest Dresden: Lasst die Tränen fließen

Dass SPIESSER-Autor Vincents Magen momentan aufgrund einer Popcorn-Überdosis implodiert, zeigt nur, dass das 31. Dresdner Kurzfilmfestival einwandfrei kuratiert war. Die letzten sechs Tage hat Vincent sich in den Kinosälen der Landeshauptstadt verkrümelt und weiß jetzt, wie er in nur zehn Schritten Fake-Tränen erzeugen kann.

25. April 2019 - 12:44
SPIESSER-Autor Kalendermensch.
Deine Bewertung bewertet mit 3 5 basierend auf 2 Bewertungen
Kalendermensch Offline
Beigetreten: 14.12.2015

Wenn es etwas gibt, was ich während des Filmfests Dresden nicht missen will, dann ist das Club Mate. Von einem abgebrühten Rezensenten der Sächsischen Zeitung – im Zusammenhang mit dem Festival wohlbemerkt – als „stets ausverkaufte Hipster-Limo“ abgestempelt, ist sie jedes Jahr mein treuer Begleiter für lange Nächte. Ich trinke (noch) keinen Kaffee, und vor allem nicht im Kino, Thermoskannen mit schwarzem Tee, die sind uncool und Energydrinks finde ich miefig. Was bleibt mir zum Munterbleiben anderes übrig außer diese, nun ja, Hipster-Brause? Gäbe es dieses Softgetränk nicht, wäre ich dieses Jahr einmal eingeschlafen. Dabei war es gar nicht spätnachts, sondern 16 Uhr am Nachmittag.


Das Filmtheater Schauburg in Dresden.
Foto: Oliver Killig

Tatsächlich passierte mir dieses Fast-Einnicken in einem laschen Wettbewerbsprogramm. Was soll ich anderes sagen: Das Programm hatte in etwa die ähnliche Dynamik wie derzeit Dynamo Dresden. Obgleich die gezeigten Filme eine Daseinsberechtigung besaßen, verströmten sie allesamt eine dermaßen suppige Grundstimmung. Da sie alle hintereinander liefen, konnte ich die bedrückenden Sujets ziemlich schnell nicht mehr ertragen. Dazu kam, dass der Moderator jeden Gast dasselbe fragte. Die einsilbigen Sätze, die er gerade so über die Lippen bekam, machten deutlich, dass er seinen Job richtig toll fand. Abgesehen davon, dass es dieses Jahr außerdem keine Fotobox gab, war dieses Screening mein einziger Tiefpunkt der diesjährigen Filmfestedition.

Wie geht Weinen?

Mein diesjähriger Lieblingsbeitrag lief im Nationalen Programm und ist im wahren Leben ein Musikvideo. Die Band „Erdmöbel“, die sowieso den coolsten Namen hat, den ich je gehört habe, mache leichtfüßigen Pop, wie es ein Kritiker beschreibt, und zeichne sich durch lakonische Wahrhaftigkeit aus. Für ihren Song „Tutorial“ aus dem Album „Hinweise zum Gebrauch“ hat Filmemacher Dennis Todorović einen achtminütigen Clip gebastelt, der unter die Haut geht und gleichzeitig sehr heiter anzuschauen ist. Der Film ist eine Bedienungsanleitung für Fake-Tränen in zehn Schritten.

Die spannende Fragestellung: Wie erzeugt man künstliche Tränen, die hauptsächlich ein echtes Gefühl transportieren können? Dafür hat Todorović zehn Schauspielerinnen (man hat sie alle schon mal irgendwo gesehen) ausgewählt und sie vor eine schwarze Wand gesetzt. In fast sekündlich wechselnden Sequenzen erklären diese zu Beginn, wie das nun geht mit dem Weinen. Zum Beispiel: „Erst wenn ihr auf die Fünf stößt, das ist, wenn euch die Traurigkeit trifft.“ Kunstgriff Eins: Den Liedtext spricht eine Männerstimme aus dem Off. Die Zehn bewegen ihre Lippen weitestgehend synchron dazu.

Locker vom Hocker

Hauptsächlich aber tanzen die Darstellerinnen ein verrücktes Ballett mit ihrem Körper, verrenken ihrem Kiefer und drücken mit ihren Augen die unterschiedlichsten Emotionen aus. Keine Frau bleibt sitzen – das geht alles locker vom Hocker. Wahnsinnig schön anzusehen, wie Corinna Harfouch alle Register ihres Könnens zieht, um von „überglücklich“ bis „todtraurig“ einmal alles durchzuspielen. Jeder der vielen Gesichtsausdrücke sitzt, ist eine Situation, ein Kunstwerk für sich. Von einem gestellt wirkenden Machwerk ist der Film weit entfernt. Er kommt so roh und pur daher, dass man am liebsten mitmachen will.


Noch viel mehr Impressionen vom diesjährigen Filmfest
gibt es unter @FilmfestDresden. Foto: Oliver Killig

Natürlich nimmt sich der Film durchgängig selbst auf den Arm, vor allem, weil alles aufgesetzt wirkt. Es finden sich unzählige Tutorials auf YouTube, zu weitaus trivialeren Themen. Aber selbst ich bekomme es hin, einen IKEA-Schrank ohne Hilfe aus dem Netz aufzubauen. Da braucht es keinen Schweden, der mir das umständlich erklärt. Warum brauchen wir Tutorials, deren wirkliche Essenz nicht die ursprüngliche Fragestellung ist? Wie definiert sich Natürlichkeit? Wie divers ist Weinen? Und wie verheult kann ein Mensch aussehen? Der Film liefert Antworten auf diese Fragen. Unter den Bildern liegt der lebendige Gute-Laune-Sound von den „Erdmöbeln“. Es ist zum Schenkelklopfen, wie er die Phasen des Tränenerzeugens ironisch kaschiert.

In den letzten Sekunden setzen die zehn Schauspielerinnen ihre Instruktionen dann in die Tat um. Nicht alle schaffen es, am Ende zu weinen. Und die, die es schaffen, auch nur, weil einer von der Maske ihnen ganz unauffällig Flüssigkeit unter die Augen schmiert. Selbst der Fake ist ein Fake. Ich jedenfalls musste wirklich weinen. Naja, fast.

Text: Vincent Koch
Bildmaterial: Still aus TUTORIAL, Internationale Kurzfilmtage Oberhausen gGmbH

Dir gefällt dieser Artikel?

Kommentare

Ein kleiner Schritt für dich, ein großer Schritt für die Diskussion.
Mehr zum Thema „Kinofeeling
  • Blütenblatt
    Kinofeeling

    Kinofeeling – Was gewesen wäre

    Die Beziehungsproblematik eines Paares im mittleren Alter, das Aufwachsen in der DDR und die politischen Probleme Ungarns unter Orban. Zu wenig thematische Abwechslung kann man dem Film „Was gewesen wäre“ nicht vorwerfen. Ob dieser Themenspagat aber auch gelungen ist, ist eine andere Frage.

  • Blütenblatt
    1
    Kinofeeling

    Kinofeeling: Booksmart

    Man nehme zwei Streber auf der Suche nach einer Hausparty, einen Millionärssprössling und eine Verrückte auf Drogen. Heraus kommt eine epische Nacht. SPIESSER-Praktikantin Naomi hat sich den Film „Booksmart“ für euch angesehen und mit gemischten Gefühlen das Kino verlassen.

  • Blütenblatt
    Kinofeeling

    Kinofeeling: But Beautiful

    Dokumentationen zeigen uns oft die harte Realität und hinterlassen ein Gefühl der Ohnmacht. „But Beautiful“ geht die Dinge auf andere Weise an. Diese Doku zeigt uns die schönen Seiten des Lebens und wirkt dabei nicht weniger aufweckend und inspirierend.

  • Blütenblatt
    Kinofeeling

    Kinofeeling: Lara

    Wieviel kann die Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem Sohn aushalten? Ab wann wird die familiäre Bindung zu Belastung? Diese und weitere Fragen wirft der neue Film „Lara“ auf. SPIESSER- Autorin Naomi war vor allem von der musikalischen Gestaltung des Films angetan, aber auch die

  • mclovin
    Kinofeeling

    Kinofeeling: Verteidiger des Glaubens

    Im April 2005 wurde der Kardinal Joseph Ratzinger zum Papst gekürt. Unter dem Namen Papst Benedikt XVI sollte er weltweit bekannt werden. Damit hielt der gebürtige Bayer den Vorsitz in einer der größten Institutionen der Welt. „Verteidiger des Glaubens“ zeigt den Werdegang

  • Blütenblatt
    Kinofeeling

    Kinofeeling: Nur eine Frau

    Stell dir ein Leben vor, in dem die Familie alles ist und ihre Ehre mehr zählt als deine Existenz. Stell dir ein Leben vor, in dem du keine Rechte hast und deine Eltern und Brüder bestimmen, was du trägst, wo du wohnst oder wen du heiratest. Für den Großteil von euch ist das

  • mclovin
    Kinofeeling

    Kinofeeling: Das Kapital im 21. Jahrhundert

    Das Kapital verbinden die meisten Menschen mit Industrialisierung, Kommunismus und Karl Marx. Dass der deutsche Gesellschaftstheoretiker mit seinem Werk jedoch eine sehr kritische Analyse des kapitalistischen Wirtschaftssystems geschaffen hat, wird häufig außen vor gelassen. Wie wichtig diese

  • Blütenblatt
    Kinofeeling

    Kinofeeling: Welcome to Sodom

    Giftige Rauchschwaden, brennende Kabel und Berge an Elektroschrott wohin das Auge reicht. Die Dokumentation „Welcome to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier“ zeigt uns das Leben der Verlierer der digitalen Revolution in der ghanaischen Hauptstadt Accra.

  • Noe_SB
    5
    Kinofeeling

    Dem Horizont so nah

    Jessica Koch schrieb vor zehn Jahren ihre tragische Jugendgeschichte nieder, doch verbrannte sie. Es kostete sie Mut und Überwindung, eine zweite Version zu verfassen, die mit 500.000 E-Book-Lesern auf großen Erfolg stieß. Ihr herzzerreißendes Drama kommt am 10. Oktober in die

  • Dana Marie
    Kinofeeling

    Deutschstunde

    Während des zweiten Weltkrieges verbietet das Nazi-Regime expressionistische Kunst. Der Maler Max bekommt die Botschaft von seinem Freund und Dorfpolizisten Jens überbracht – und ein erbitterter Streit entwickelt sich. Mittendrin: Jens‘ Sohn Siggi, der auch das Patenkind von Max

  • strumpfmitloch
    Kinofeeling

    Systemsprenger

    Benni sieht aus wie ein kleiner Engel: blonde Haare, schüchternes Lächeln. Aber Benni kann auch anders. Sie hat Probleme, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten, was zu aggressiven und gefährlichen Ausbrüchen führt. Das Mädchen wird von Pflegeeinrichtung zu Pflegeeinrichtung

  • piapan
    Kinofeeling

    Serienfeeling: Hassel

    Die schwedische Krimiserie mit der Extra-Portion Antihyggeligkeit, regt zur Coolness an und macht irgendwie dann doch echt Laune. Wo Hassel zuschlägt, wächst nämlich kein Gras mehr, dort liegt dann Schnee.

  • LenaSophia
    Kinofeeling

    Billionaire Boys Club

    Bekannte Schauspieler treffen auf eine wahre Begebenheit – heraus kommt der Thriller „Billionaire Boys Club“. In einer Welt, die sich ausschließlich um Erfolg, Macht und Geld dreht und Gefühle sowie Moral nichts wert sind, versuchen Joe Hunt und Dean Karny ihr Glück.

  • Kirschblütenrot
    5
    Kinofeeling

    Idioten der Familie

    Würdest du dein Privatleben opfern, um dich um ein krankes Familienmitglied zu kümmern? Dieser Frage stellt sich Michael Kliers neuester Film. Vier Geschwister treffen sich, um herauszufinden, wie es mit der psychisch kranken Schwester weitergehen soll. Doch wie weit kann Aufopferung gehen?

  • Lena B.
    Kinofeeling

    Prélude

    David ist leidenschaftlicher Pianist und studiert an einem Musikkonservatorium in Österreich. Schnell wird der Konkurrenzdruck unter den aufstrebenden Musikern groß. „Prélude“ mit Louis Hofmann und Liv Lisa Fries kommt mit wenig verbaler Kommunikation aus, die Gefühlswelt

  • Sarah
    Kinofeeling

    Angel Has Fallen

    Es geht weiter in der „Fallen“-Reihe! Morgen Freeman steigt zum Präsidenten der USA auf und ist mal wieder in Gefahr. Der Plot birgt wenige Überraschungen. Spannend machen den Film eher kleinere Verstrickungen. Dennoch vergibt SPIESSER-Autorin Sarah fünf von fünf Action-Punkten!

  • mclovin
    Kinofeeling

    Endzeit

    Spätestens seit „The Walking Dead“ wissen wir, dass postapokalyptische Zombieszenarien beim Publikum bestens ankommen. Mit „Endzeit“ folgt nun auch eine deutsche Verison. „Was noch eine Zombieapokalypse? Das ist doch schon ausgelutscht!“, wirst du dir vielleicht

  • Kirschblütenrot
    Kinofeeling

    Das zweite Leben des Monsieur Alain

    Die drei Worte zum Erfolg? Laut Monsieur Alain lauten diese: Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit. Doch nach einem Schlaganfall muss sich der erfolgreiche Geschäftsmann neu mit seinem Leben auseinandersetzen. Kann diese Story euer Herz berühren oder lässt es euch eher kalt? SPIESSER-Autorin

  • Pamina96
    Kinofeeling

    So wie du mich willst

    Dieser Kinofilm, basierend auf einem Roman von Camille Laurens, erzählt die Geschichte einer Frau, die sich in einen Zwiespalt zwischen ihrer Online-Identität und ihrem realen Leben verstrickt. SPIESSER-Autorin Fabienne hat sich von der Brisanz der französische Romanverfilmung vereinnahmen lassen.

  • eis-am-stiel
    5
    Kinofeeling

    Cleo

    Ein trauriges Schicksal einer jungen Frau verpackt in bezaubernde Bilder, die an „Die fabelhafte Welt der Amelie“ erinnern. Hinzu kommt eine Schatzsuche nach einer mysteriösen Uhr. SPIESSER-Autorin Anna empfiehlt den Film für ein erstes Date, da man danach noch ein wenig mehr verliebt

  • mclovin
    Kinofeeling

    Leid und Herrlichkeit

    Pedro Almodóvar meldet sich mit der Lebensgeschichte des Regisseurs Salvador Mallo zurück und zeigt eine gelungene Kombination aus Fiktion und Autobiografie seines eigenen Lebens.

  • mirabelle
    Kinofeeling

    Serienfeeling: La Zona – Do Not Cross

    Die deutsch-spanische Krimiserie „La Zona – Do Not Cross“ schildert dystopisch-düster das Leben nach einem Reaktorunfall und menschliche Abgründe. Actionreich und tragisch setzt sie sich auch mit der Frage auseinander, wie man leben soll, wenn das meiste, woran man bisher

  • Kalendermensch
    Kinofeeling

    Serienfeeling: DARK 2

    „Es wird wieder passieren“, flüsterte einst Helge Doppler. Recht hat er. Die lang erwartete, zweite Staffel der Netflix-Produktion DARK ist noch eine Spur komplexer als die erste. SPIESSER-Autor Vincent findet die Entwicklung der Serie mehr als gelungen.

  • Pamina96
    Kinofeeling

    Tolkien

    Dieser Kinofilm erzählt die Lebensgeschichte des Schriftstellers J. R. R. Tolkien auf warmherzige und charmante Weise. SPIESSER-Autorin Fabienne hat es die auf Leinwand gebrachte Biografie des Mittelerde-Schöpfers sehr angetan.

  • mclovin
    Kinofeeling

    Eine moralische Entscheidung

    Dieser Film des iranischen Regisseurs Vahid Jalilvand beschäftigt mit dem tragischen Tod eines kleinen Jungen. War er verhinderbar? Wer trägt überhaupt die Schuld? Es sind Fragen wie diese, aus denen sich ein zutiefst spannender moralischer Zwiespalt rund um Trauer, Leid, Rache und Schuld entspinnt.

  • Noe_SB
    5
    Kinofeeling

    Serienfeeling: How to sell drugs online (fast)

    Die deutsche Netflix-Produktion „How to Sell Drugs Online (fast)“ verwandelt den Nerd zum Boss. In Köln konnte SPIESSER-Autorin Noelia mit den Hauptdarstellern der Serie über Drogen, sowie die Gefahren des Internets und der Liebe sprechen.

  • SamiZeyen
    Kinofeeling

    Never Again – Amerikas Jugend gegen den Waffenwahn

    „Kämpft um euer Leben, bevor es jemand anderes tun muss.“ Nach dem Attentat in einer Schule in Parkland, Florida initiierten Jugendliche die größte Bewegung gegen die Waffengewalt seit dem Vietnamkrieg.

  • Sofie Silber
    1
    Kinofeeling

    Serienfeeling: The Rain 2

    Vorsicht, Gänsehautmomente garantiert! Schließlich geht die dänische Erfolgsserie „The Rain“, Eigenproduktion aus dem Hause Netflix, in die zweite Runde. Ob die Serie den Ansprüchen der ersten Staffel gerecht wird und sich aus der breiten Masse hervorhebt?

  • mclovin
    Kinofeeling

    Under the Tree

    In dieser schwarzen Komödie dreht sich alles um den namesgebenden Baum. Wegen ihm eskaliert ein Nachbarschaftsstreit, aus welchem sich eine verrückte Geschichte mit einigen Überraschungsmomenten entwickelt.

  • Miss little P
    Kinofeeling

    Royal Corgi – Der Liebling der Queen

    Ein Animationsfilm über eine royale Hunderasse? SPIESSER-Autorin Sarah hat er als kurzweiliger, niedlicher Zeitvertreib gut gefallen, mehr aber auch nicht – für die Kleinsten ist der Film aber definitiv ein Hit.