Kinofeeling

Kinofeeling: Verteidiger des Glaubens

Im April 2005 wurde der Kardinal Joseph Ratzinger zum Papst gekürt. Unter dem Namen Papst Benedikt XVI sollte er weltweit bekannt werden. Damit hielt der gebürtige Bayer den Vorsitz in einer der größten Institutionen der Welt. „Verteidiger des Glaubens“ zeigt den Werdegang eines jungen Reformers hin zum fundamentalen Verteidiger der christlichen Lehre, der letztlich in einem der größten Skandale der Kirche mundete.

30. Oktober 2019 - 13:20
SPIESSER-Autor mclovin.
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mclovin Offline
Beigetreten: 27.05.2019

Worum geht’s?

Das gesamte Leben lang war Joseph Ratzinger überzeugter Christ. Dies führte dazu, dass er eine Karriere in der Kirche anstrebte. „Verteidiger des Glaubens“ rekonstruiert seinen Weg und zeigt, wie aus dem jungen Ratzinger ein alter Fundamentalist wurde, welcher jegliche Änderung ablehnte. Paradox, wenn man bedenkt, dass er in den 1960er noch als Innovator und Heilsbringer galt, doch mit seiner Tätigkeit im Vatikan änderte sich dies schlagartig. Stattdessen stand nun der Erhalt der katholischen Lehre auf der Agenda. 2005 gipfelte die Karriere Ratzingers in der Krönung zum Papst Benedikt XVI.

Regisseur Christoph Röhl knüpft ebenfalls an diesen Punkt an und hat mit ehemaligen Weggefährten und kirchlichen Vertretern über Papst Benedikt XVI und sein Wirken gesprochen. Herausgekommen ist ein düsteres Bild, welches den doch so bescheidenen Ratzinger in ein anderes Licht rückt. Vielmehr stellt der Film den Deutschen in direkten Zusammenhang mit der Entstehung eines korrupten und in sich geschlossenen Machtsystem im Vatikan. Und während in der Vergangenheit des Papstes gegraben wird, kristallisiert sich in den Interviews heraus, dass er maßgeblichen Anteil an der Verschleierung der Missbrauchs- und Korruptionskrise in der katholischen Kirche beteiligt war.

Wer spielt mit?

Richtig gespielt wird hier nicht - ist ja eine Doku. Es gibt schlichtweg keine Schauspieler. Warum auch? Dafür treten verschiedenste Interviewpartnerinnen und -partner auf den Plan. Zu nennen wäre da beispielsweise Georg Gänswein, welcher Privatsekretär Ratzingers war oder Thomas P. Doyle, ein Kirchenrechtler, der sich für die Opfer sexuellen Missbrauchs durch katholische Priester einsetzt. Darüber hinaus sind unter anderem noch Klaus Mertes (Autor und Jesuit) sowie Doris Wagner (Philosophin und Theologin) und Tony Flannery (katholischer Priester) in Interviews zu sehen.

Filmischer Augenschmaus?

Visuell schonmal nicht, was aber auch klar sein sollte. Immerhin handelt es sich um einen Dokumentarfilm. Da kommt es eher auf die Interviewpartnerinnen und -partner an. Wir finden uns vermehrt in Gesprächssituationen wieder, welche hin und wieder durch Bilder unterstützt werden. Damit wird das Thema besser emotionalisiert. Die Bilder unterstreichen die Stimmung, besonders in Erinnerung geblieben sind sie mir aber nicht.

Gibt’s was zu meckern?

Der Film lässt uns hinter die Kulissen des Vatikans in einen tiefen Abgrund blicken. Dabei werden verschiedenste Personen befragt. Ich bin mir nur nicht ganz sicher, inwiefern alle Interviewpartnerinnen und -partner dazu befähigt sind, Aussagen über Papst Benedikt XVI zu tätigen. Klar, einige waren seine Weggefährten, aber andere haben keinen persönlichen Bezug. Ihren Aussagen stand ich dann zumindest teilweise skeptisch gegenüber.

Auf einen Blick
Action: 
Romantik:
Humor:
Niveau: ✪ ✪ ✪
Bildungsfaktor: ✪ ✪ ✪ ✪
Braucht man Taschentücher?

Nein, der Film ist weniger traurig, als schockierend. Man wird eher wütend, als weinerlich. Daher kann man die Taschentücher getrost weglassen und sollte eher zu Fackel und Mistgabel greifen, um den Vatikan niederzubrennen (metaphorisch natürlich, damit ist eher der Wunsch nach Erneuerung gemeint).

Mit wem angucken?

Eigentlich könnt ihr den Film mit jeder Person schauen. Die wird das Thema sicherlich ebenfalls interessant finden. Immerhin betrifft der Missbrauchsskandal unsere gesamte moderne Gesellschaft und zieht sich über Kontinente hinweg. Daraus können sich durchaus interessante Debatten über die Existenz der Kirche entwickeln.

Was macht man danach?

Sich über den Klerus und die Korruption innerhalb der Kirche aufregen.

In 3 Worten:

Papst, Kirche, Missbrauch

Große Leinwand oder kleiner Bildschirm?

Der kleine Bildschirm sollte vollkommen ausreichen. Immerhin handelt es sich bei „Verteidiger des Glaubens“ immer noch um eine Dokumentation. Und wo schaut man Dokus? Richtig, bei schlechtem Wetter eingekuschelt in der Bettdecke.

Mainstream oder Independent?

Weder noch, würde ich sagen. Auf der einen Seite ist der Papst natürlich weltweit bekannt und der Missbrauchsskandal der Kirche betrifft auch die Öffentlichkeit. Damit dürfte die breite Masse ebenfalls an dem Thema interessiert sein. Ob der Film dort aber ankommt, bleibt eine andere Frage. Ich bezweifle allerdings, dass ihn besonders viele Leute sehen werden. Letztlich bleibt er nur eine Dokumentation unter vielen.

Verteidiger des Glaubens

Regie: Christoph Röhl
Protagonisten: Georg Gänswein, Klaus Mertes, Doris Wagner, Tony Flannery, Thomas P. Doyle

Kinostart: 31.10.2019
Filmlänge: 90 Minuten
Genre: Dokumentaion
FSK: k. A.

 

 

Text: Duc Hai Le
Bildmaterial:
www.realfictionfilme.de

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