Kinofeeling

Was hat uns bloß so ruiniert?

Der leise Film aus Österreich über die neue Generation der BoBo (bourgeois und bohémien), das Elternsein und die Neusortierung von Träumen. Ein Gesellschaftsstandbild für die Freunde des dokumentarischen Krittelns und des alltäglichen Scheiterns.

15. Februar 2017 - 10:16
SPIESSER-Autorin cucumber.
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cucumber Offline
Beigetreten: 17.11.2016

Worum geht's?

Österreich, genauer Wien: drei junge Pärchen im Szeneviertel und deren Elternwerden, Elternsein und die Sorge um das eigene Leben. „Was hat uns bloß so ruiniert?“ ist ein Film über eine neue Generation, „Bobo“ genannt (nein, das hat nichts mit einem DJ und den Neunzigern zu tun). Es steht für bourgeoise Boheme, ein Teil der Bio-Yuppies der Großstädte, der luxuriösen Gewissensbügeleien durch umsichtiges Konsumieren und alternative Erziehungsstile von Kindern mit unaussprechlichen Namen.


Wenn die Kleinen die Welt auf den Kopf stellen.

Zwischen Kinderwagen und Karriere und dem Traum vom erfüllten Leben, lieben, hassen und streiten sich die jungen Eltern, während der Kinobesucher den Verfall der einzelnen Charaktere im deren Alltagsgrau begutachtet. In kurzen, langen, leisen oder pastellenen Szenen schleicht sich die Handlung durch das Leben der Jungeltern und manchmal fühlt man sich ertappt, peinlich berührt oder ist schier verzweifelt über die Unfähigkeit der Menschen zufrieden zu sein.

Kurz: Beim ganzen Andersmachenverusch der ambitionierten Next Generation bleiben gewisse Sorgen, Träume und Ängste der Menschen immer zeitlos. Das angestrebte Friede-Freude-Eierkuchen-Dasein bleibt Illusion, ob mit oder ohne Erziehungsratgeber, Bio-Kaffee oder musikalischer Früherziehung.

Wer spielt mit?

Zum Besten geben sich Vicky Krieps („Colonia Dignidad“, „Die Vermessung der Welt“), Marcel Mohab („High Performance“), Pia Hierzegger („Der Knochenmann“), Manuel Rubey („Die Mutprobe“), Pheline Roggan („Soul Kitchen“, „Russendisko“) und Andreas Kiendl („Die Vaterlosen“). Die sechs Schauspieler bilden die drei befreundeten Pärchen. Zugegebenermaßen eher ein bei kleinerem Publikum bekannter Cast, was jedoch nicht der Qualität der schauspielerischen Leistung schadet.

Auf einen Blick
Action:
Romantik: ✪ ✪ ✪
Humor: ✪ ✪
Niveau: ✪ ✪ ✪
Bildungsfaktor: ✪ ✪
Filmischer Augenschmaus?

Es gibt zwei verschiedene Einstellungen auf das Leben der Charaktere: zum einen die Filmkamera mit weichen Farben, leiser Musik und dem typisch ausgesparten Schnickschnack der Nicht-Mainstreamfilme der letzten Jahre. Der Dokumentationscharakter lässt sich noch weniger verleugnen, da im Film eine Art Eigendoku von den Protagonisten selbst gedreht wird: Retro-Kamera, schwarz-weiß und somit ein filmisches Gimmick für den Zuschauer mit cineastischen Ansprüchen.

Gibt's was zu meckern?

Gesellschaftsportrait hin oder her, ein bisschen mehr Tiefe, ein bisschen mehr Klarheit würden es dem Kinobesucher leichter machen Kontakt zu Film und Figuren zu entwickelt. Die Spannungsgerade zieht sich doch etwas zäh dahin und die soften Wendungen der Schmerzensmomente bleiben für den Zuschauer beinah steril. Neben allem Voyeurismus des gemeinen Filmeschauers, fehlt es doch etwas an Schärfe und an Mitgefühl. Vielleicht will das der Film nicht, vielleicht soll der Film das nicht – kühle Beobachtungsposition mit winkender Zaunlatte zur Selbstreflexion heißt die Devise.

Braucht man Taschentücher?

Nicht unbedingt. Wem doch eine Träne kullert, dem sei verziehen. Der ein oder andere wird sich vielleicht wiedererkennen oder vor Lachen weinen.

Mit wem angucken?

Entweder mit Jungeltern, die sehr viel Selbstironie an den Tag legen. Mit den eigenen Eltern oder Großeltern, um ihnen einen Einblick in die „Bobo“-Generation zu gewähren ohne einen Familienzwist vom Zaun zu brechen.


Wenn man alles anders machen wollte.
Was macht man danach?

Sich für oder gegen Kinder entscheiden – nein Quark. Vielleicht schwört man sich aber alles einmal ganz anders zu machen.

In 3 Worten:

Leben. Scheitern. Schwarz-weiß.

Große Leinwand oder kleiner Bildschirm?

Wohl eher der kleine Bildschirm.

Mainstream oder Independent?

Independent, das Zielpublikum ist eher weniger die breite Masse zwischen 15 und 50, sondern eine Masse, die etwas mit leisen Gesellschaftsstandbildern und kleinen Kinos anfangen kann.

Was hat uns bloß so ruiniert?

Regie: Marie Kru
Schauspieler: Marie Kreutzer, Vicky Krieps, Marcel Mohab, Pia Hierzegger, Manuel Rubey, Pheline Roggan, Andreas Kiendl
Kinostart: 09.02.2017
Länge: 100 Minuten
Genre: Komödie/Drama
FSK: 6

 

 

Text: Annika Bäse
Bildmaterial: © Juhani Zebra / Thimfilm

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