Kinofeeling

Wintermärchen

Drei junge Menschen in Deutschland, die versuchen ihrem Leben einen Inhalt zu geben. Der Plan: als Terrorzelle Ausländer ermorden. Die reale Vorlage für den fiktiven Spielfilm: der „Nationalsozialistische Untergrund“ und seine Taten. Regisseur Jan Bonny stellt das Leben von jungen Rechtsextremen dar, die an ihrer Ideologie zerbrechen.

21. März 2019 - 09:09
SPIESSER-Autorin strumpfmitloch.
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strumpfmitloch Offline
Beigetreten: 19.11.2015

Worum geht’s?

Das Leben von Becky und Tommi steckt in einer Sackgasse. Die Beziehung ist kaputt und der Kühlschrank leer. Insgesamt ist die gemeinsame Wohnung spärlich eingerichtet, ähnlich wie der Alltag der beiden. Die Grundstimmung im Umfeld der Protagonisten ist rassistisch. Als Maik aus dem Duo ein Trio macht und die anderen zu Aktivitäten motiviert, tut sich endlich etwas in deren Leben. Das Trio führt unter anderem Überfälle auf türkische Supermärkte und Anwaltskanzleien durch, bei denen Unschuldige ermordet werden. Mit der Zeit geht Tommi in der Dreieckskonstellation unter und versucht, eine weitere Frau in die Gruppe einzubringen. Das funktioniert allerdings nicht so, wie er sich das vorgestellt hat und führt zu Unmut. Tommis Versuch weckt die Angst des Trios, verraten zu werden und so taucht es unter. Becky, Tommi und Maik landen auf einem Campingplatz und leben auf engstem Raum. Mal bestimmt Übermut das Leben des Trios, mal Angst. Niemand rechnet damit, wie schnell die Stimmung umschlagen kann.

Wer spielt mit?

Die Protagonisten werden verkörpert von Ricarda Seifried, Thomas Schubert und Jean-Luc Bubert. Ricarda Seifried ist als Becky zu sehen, sie hat bisher unter anderem 2017 in einer Folge von „Polizeiruf 110“ mitgespielt. Thomas Schubert stellt Tommi dar und hat für seine Hauptrolle im österreichischen Drama „Atmen“ (2011) mehrere Preise gewonnen. Maik wird gespielt von Jean-Luc Bubert, der vor allem Theaterrollen übernimmt, aber auch in größeren Fernseh- und Kinoproduktionen zu sehen ist.

Auf einen Blick
Action: ✪ ✪ ✪
Romantik: ✪ (eigentlich 0,5, geht aber nicht)
Humor:
Niveau: ✪ ✪
Bildungsfaktor: ✪ ✪
Filmischer Augenschmaus?

Einen filmischen Augenschmaus bietet der Film meiner Einschätzung nach nicht. Der Funkte springt nicht richtig über, auch wenn wir das Gefühl haben, ganz nah am Geschehen zu sein und die Charaktere authentisch sind.

Die Stimmung ist düster, zum Lachen lädt der Film nicht gerade ein. In einer kurzen Sequenz versteckt sich dann aber doch schwarzer Humor und gerade deshalb ist sie mir in Erinnerung geblieben: Wir sehen Becky, wie sie über die Straße läuft und Döner isst. Mein erster Gedanke: „Nazis essen heimlich Döner.“ Dann ein kurzes Lachen meinerseits, bevor es ernst weitergeht.

Gibt’s was zu meckern?

Der Einstieg in die Geschichte ist etwas holprig und nach etwa einer Dreiviertelstunde stellt man fest, dass die Handlung schon im vollen Gange ist. Leider erfüllt der Film nicht die Erwartung, Hintergründe zu beleuchten. Die Beweggründe des rechtsextremen Trios bleiben im Dunkeln und auch das Netzwerk, das es im Hintergrund zu geben scheint, bleibt unbekannt. Menschliche Abgründe werden deutlich, aber die Frage nach dem „Warum“ bleibt unbeantwortet.


In „Wintermärchen“ versumpfen angeblichen Werte wie Ehre, Stolz
und Loyalität zunehmend in Orientierungslosigkeit und Radikalität.
Braucht man Taschentücher?

Nein. Taschentücher bräuchte man lediglich, wenn man sich Gedanken über die Opfer der Terroranschläge macht. Schnelle Szenenwechsel verhindern jedoch, dass sich diese Gedanken breitmachen können. Das Schicksal der Opfer wird bald von den emotionalen Ausbrüchen der Protagonisten verdrängt.

Mit wem angucken?

Alleine. Wenn man den Film doch gemeinsam angucken sollte, dann mit jemandem, mit dem man ohne schlechtes Gefühl auch die Sexszenen schauen kann.

Was macht man danach?

Nach dem Film braucht man einen Moment, um das Geschehene zu verarbeiten und Gedanken zu ordnen. Aber das Leben geht ziemlich schnell weiter. Die offensichtlichen Hintergründe des Films – das rechtsextreme Trio und die doch geringen Parallelen zum sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrund“ – werden nicht ausreichend beleuchtet, sodass sie schnell in Vergessenheit geraten.

In 3 Worten:

Hass. Gewalt. Sex.

Große Leinwand oder kleiner Bildschirm?

Stellenweise ist der Film ziemlich beklemmend, ein kleiner Bildschirm macht die Situation „erträglicher“. Angemessen dargestellt werden kann die Handlung auf einem kleinen Bildschirm aber allemal.

Mainstream oder Independent?

„Harte“ Szenenwechsel, keine Hintergrundmusik, Charaktere, die für sich selbst stehen: All das spricht dafür, dass „Wintermärchen“ ein Independent-Film ist. Die Teilnahme beim Filmfestival Locarno 2018, das sich vor allem um Autorenfilme dreht, spricht ebenfalls für diese Einordnung.

Wintermärchen

Regie: Jan Bonny
Darsteller: Thomas Schubert, Ricarda Seifried, Jean-Luc Bubert
Filmlänge: 125 Minuten
Kinostart: 21. März 2019
Genre: Drama
FSK: 16
 

 

Text: Jana Rasch
Bildmaterial: W-film Distribution

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