Ihr für Flüchtlinge

Helfen im
„kunterbunten Haus“

In der Bottroper Notunterkunft ist immer viel zu tun: Neben abwechslungsreichen Aktionen, wollen die ehrenamtlichen Mitarbeitern den Flüchtlingen vor allem ein Lächeln ins Gesicht zaubern und den tristen Alltag verschönern. SPIESSER-Autorin Vanessa engagiert sich selbst vor Ort.

13. Oktober 2015 - 14:56
SPIESSER-Autorin Vannivohs.
Noch keine Bewertungen
Vannivohs Offline
Beigetreten: 10.09.2015

14.15 Uhr, endlich ist die Schule für heute geschafft. Schnell steige ich aufs Fahrrad. Doch anstatt nach Hause oder zu Freunden zu radeln, führt mich mein Weg zur Notunterkunft bei uns hier in Bottrop. Ich gehe die Stufen des ehemaligen Schulgebäudes hoch, in der die Asylbewerber untergebracht sind. Kaum bin ich durch die großen Glasscheiben zu sehen, höre ich schon laute Rufe: „Vanessa, Vanessa, Vanessa!“ Überschüttet von Küsschen und Umarmungen, empfangen mich die Kinder und zerren mich sogleich in den Spielraum. Vorbei an der Security, den Johannitern und den vielen anderen Flüchtlingen, kann ich die Mädchen kaum bremsen zu spielen, malen oder zu puzzeln.

Vergangenheit vergessen lassen

So beginnt ein typischer Arbeitstag für einen Mitarbeiter des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB), einen wie mich. Wir betreuen die Flüchtlingskinder und kleiden die Bewohner der Bottroper Notunterkunft ein. Außerdem versuchen wir, die Flüchtlinge durch kleine Aktionen ihre Vergangenheit und gegenwärtige Situation für einen kurzen Moment vergessen zu lassen.

Notunterkunft Albrecht-Dürer-Schule Bottrop
Adresse: Albrecht Dürer Schule, Glückaufstraße 2, 46238 Bottrop
Ansprechpartner: Manolya Karadag und Thorsten Strack, zuständige Dienstleitung der Johanniter
Telefonnummer: 02041/3729575

An diesem sonnigen Nachmittag gehen wir raus auf den Sportplatz, Fußball steht auf dem Programm. Egal, ob groß oder klein, ob dick oder dünn: Viele der insgesamt 200 Menschen nutzen an diesem Tag das gute Wetter und lassen sich die warme Sonne aufs Gesicht scheinen. An einem anderen Tag organisierten wir einen Eiswagen, der jedem ein Eis spendierte. Wenig später sah man nur noch Kinder mit Schokoladen verschmierten Mündern umherlaufen.

Flucht als einziger Ausweg

Doch die Stimmung ist nicht immer so positiv. Auf Grund des großen Spenderherzes der Bottroper Bürger, können wir Neuankömmlingen neue Kleidung geben, so auch einer jungen vierköpfigen Familie aus Syrien. Sie waren Mittelmeer gekentert, landeten in Ungarn im Gefängnis, bevor sie zu uns nach Bottrop kamen. Mit Fußballschuhen an den Füßen, stand die äußerst höfliche und zurückhaltende Mutter vor uns.

Ich konnte ihr das Glück, endlich in Sicherheit zu sein, von den Augen ablesen: „Ich bin froh, dass wir hier sind und ich hoffe in Zukunft Arbeit zu finden, mein Mann studierte Jura und ich Medizin“, übersetzte eine arabisch sprechende Mitarbeiterin. Noch berührender ist die Geschichte der kleinen Abiya, die gemeinsam mit ihrem Opa und ein paar Cousins geflohen ist. Die Flucht schien der letzte Ausweg zu sein, nachdem Abiyas Eltern vor ihren Augen von IS-Kämpfern erhängt wurden.

Zwischen Syrern, Albanern und Nigerianern

Mit Fingerfarbe zu matschen, zaubert vielen
Flüchtlingskindern ein Lächeln ins Gesicht.

Umso schöner ist es, Armbänder mit den Kindern zu flechten, Kreidekunstwerke zu erschaffen oder mit Fingerfarbe zu matschen. Seilspringen gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen der Kinder, wo selbst Abiya und ihre Cousins glücklich
sind, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick. Das Zusammenleben der verschiedensten Kulturen ist in der Notunterkunft an der Glückaufstraße sehr friedlich. Die Spannbreite der Nationalitäten reicht von Irakern, Afghanen über Leute aus Afrika, dem Kosovo oder dem asiatischen Raum.

Manolya Karadag und Thorsten Strack, die Dienstleitenden Johanniter unserer Einrichtung, sprechen deshalb von einem „kunterbuntem Haus“. Für sie läuft die Zusammenarbeit mit den Organisatoren, der Security und Flüchtlingen „sehr harmonisch“. Meine Mitarbeiter kommen genauso gerne wie ich hierher und haben einige Familien besonders ins Herz geschlossen. Simone Böhmer, die seit Eröffnung der Unterkunft im Juli diesen Jahres als ehreamtliche Helferin dabei ist, war mit einer albanischen Familie Pizza essen und hatte einen schönen Abend intensiven Gesprächsaustausches: „Von manchen Menschen wünsche ich mir mehr Empathie und fordere sie auf, den Mund gegen Hetzte aufzumachen.“

Hoffnung auf ein neues Zuhause

Statt daheim oder mit Freunden
abzuchillen, hilft Vanessa in ihrer Freizeit
in der Notunterkunft aus.

Simone war eine derjenigen, die auch mich in meine Tätigkeiten in der Albrecht-Dürer-Schule einwies. Besonders in der Kleiderkammer war ich fasziniert von der Routine der Mitarbeiter. In der Kleiderausgabe hängt ein Blatt mit Abbildungen der verschiedenen Kleidungsstücke bereit, damit die Bewohner nur auf das benötigte Teil zeigen müssen und die Sprache kein Hindernis darstellt. Außerdem vermerken wir, wie viel jede Familie bereits bekommen hat. So läuft niemand Gefahr, zu viel oder zu wenig Kleidung zu besitzen.

Nach der Arbeit in der Kleiderkammer verabschiede ich mich von den Kindern, die am Ende der zweimal täglich stattfindenden Betreuung gemeinsam im Chor singen: „Alle Leut’, Alle Leut’, gehen jetzt nach haus’.“

Ich hoffe, dass zahlreiche Flüchtlinge in naher Zukunft von der Notunterkunft in eine Wohnung ziehen können und Deutschland ihr „Zuhause“ nennen dürfen.

Text und Fotos: Vaneesa Vohs

Dir gefällt dieser Artikel?

Kommentare

Was meinst du dazu? Schreib' jetzt einen Kommentar!
Mehr zum Thema „Ihr für Flüchtlinge
  • Laura...
    Ihr für Flüchtlinge

    Unterwegs an der Grenze

    Fethullah, Sinah und Jannis sind über die Balkanroute ins griechische Idomeni gefahren, wo tausende Flüchtlinge ausharren. Unterwegs haben sie Spenden verteilt, Filme gedreht und andere Ehrenamtliche unterstützt. SPIESSER-Autorin Laura hat mit dem Trio gesprochen.

  • Little Miss Wonder
    5
    Ihr für Flüchtlinge

    Miteinander füreinander

    Freundschaften knüpfen, Spaß haben, Aktionen planen und damit etwas Gutes tun. Helfen ist alles andere als kompliziert. SPIESSER-Autorin Annika gründete mit Freunden eine UNICEF-Hochschulgruppe und hat schon viel erreicht.

  • MarlonJungjohann
    Ihr für Flüchtlinge

    Schulbank drücken mal anders

    In einem fremden Land zu leben, sich anzupassen und die Sprache zu lernen – dazu benötigt es Fachkräfte und viel Papierarbeit? Nichts da! SPIESSER-Autor Marlon besuchte die Düsseldorfer Bürgerinitiative „HispI – Das Lernhaus“ und fand heraus, wie Freiwillige

  • Hella81
    Ihr für Flüchtlinge

    „Alle haben
    irgendwie Angst“

    Immer wieder ist von „besorgten Bürgern“ die Rede. Aber wovor haben sie eigentlich Angst? Ein loser Zusammenschluss von Illustratoren hat sich ihre Ängste und Vorurteile zur Brust genommen und in ihrem Blog „Bildkorrektur – Bilder gegen Bürgerängste“

  • Oriella
    5
    Ihr für Flüchtlinge

    Flüchtlingshilfe statt Weihnachten

    Seit Monaten bricht der Strom an Flüchtlingen nicht ab. Steigende Kontrollen, begrenzte Kapazitäten und politische Restriktionen machen die Flucht jedoch für viele immer härter. Mitte Dezember ist Sascha als Volunteer nach Griechenland gefahren und unterstützt dort seit dem den

  • kleinesinsekt
    Ihr für Flüchtlinge

    Fremde? Freunde!

    Aus Nachbarn Freunde machen. Das hat sich das Mentorenprogramm „Fremde Freunde“ auf die Fahne geschrieben. Das Projekt vermittelt zwischen Flüchtlingen und engagierten jungen Menschen. SPIESSER-Autorin Carolin hat mit Maike gesprochen, die sich seit April regelmäßig mit Mohamad

  • Jelly
    Ihr für Flüchtlinge

    Hilfe bei Kaffee und Tee

    Seit über zwanzig Jahren gibt es das „Café Exil“ in Hamburg schon. Hier können Migranten und Flüchtlinge Hilfe und Beratung bekommen oder sich einfach bei einem Kaffee aufwärmen. SPIESSER-Autorin Jelena sprach mit den beiden Mitarbeitern Florian und Klaus über

  • whityhumbuk
    Ihr für Flüchtlinge

    Freundschaft geht
    durch den Magen

    Sogenannte „Welcome Dinner“ für Flüchtlinge haben über Schweden und Hamburg schließlich deutschlandweit in den heimischen Wohnküchen Einzug gehalten. SPIESSER-Autorin Anh hat für drei syrische Flüchtlinge nicht nur den Kochlöffel geschwungen, sondern

  • Onlineredaktion
    5
    Ihr für Flüchtlinge

    Macht’s
    doch einfach selbst!

    Geflüchteten helfen, ohne lange um den heißen Brei herumzureden? Warum nicht einfach machen, dachten sich die Jugendlichen der „Jugend für Asyl” in Brandenburg, schnappten sich einen Fußball und legten so den Grundstein für eine gelungenes Flüchtlingsprojekt.

  • Nadine98
    5
    Ihr für Flüchtlinge

    Flüchtlingskinder als Geschichtenerzähler

    Sprache verbindet. Das weiß auch Anuschka Weyand und hat kurzer Hand das Projekt WorldWideWords ins Leben gerufen. Dabei kann man als Schreibpate gemeinsam mit Flüchtlingskindern Texte für einen Sammelband schreiben. SPIESSER-Autorin Nadine ist von der Idee begeistert und hat sich mit Anuschka unterhalten.

  • sonyerikson
    5
    Ihr für Flüchtlinge

    Mit Rad und Tat

    Der Berliner Verein Rückenwind sammelt Fahrräder, um sie mit und für Flüchtlinge zu reparieren. Nach einem halben Jahr und 102 reparierten Drahteseln, hat SPIESSER-Autor Erik vorbei geschaut und nachgehakt: Wie soll die neue Werkstatt aussehen und was bringt Mobilität den Flüchtlingen?

  • anniejana
    5
    Ihr für Flüchtlinge

    Meine Schule für Flüchtlinge

    Zuhören, sprechen und helfen. Die Schülervertretung eines Gymnasiums in Nordrhein-Westfalen setzt mit Flüchtlingshilfe von Schülern für Schüler ein Zeichen gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit. SPIESSER-Autorin Annika berichtet von ihrer eigenen Schule.

  • happy.hippie60
    Ihr für Flüchtlinge

    Wenn Ehrenamt
    zum Hobby wird

    Seit nun mehr vier Wochen gibt es in Dresden eine Zeltstadt als Auffangstation für den nicht enden wollenden Flüchtlingsstrom. Luise arbeitet dort von Anfang an als Ehrenamtliche. Warum und wie die Zustände wirklich sind, darüber hat sie mit SPIESSER-Praktikantin Anne beim morgendlichen Kaffee gesprochen.

  • a.s.
    5
    Ihr für Flüchtlinge

    Ein Hotel für alle

    Ein Haus, in dem Hotelgäste, Flüchtlinge und Künstler zusammenleben? Engagement kann so vielfältig sein. Im Augsburger Grandhotel Cosmopolis wird das gelebt. SPIESSER-Autorin Anita war vor Ort, hat mitgeholfen und war begeistert.