Nebenjob

Mehr als nur
die Tochter des Hauses

Früher hat SPIESSER-Autorin Mona keinen Kaffee getrunken, dann kamen die Radfahrer, die um 7 Uhr Frühstück wollten. Eine Woche lang hat sie nämlich das Sagen in der beschaulichen 8 Betten-Pension ihrer Eltern. Ein Nebenjob mit dem Prädikat: Jetzt schmeiße ich den Laden!

02. September 2014 - 13:18
SPIESSER-Autorin Mimi_the_first.
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Mimi_the_first Offline
Beigetreten: 02.12.2009

Als das Schulpraktikum in der 10. Klasse anstand, wusste ich nicht so richtig, was ich machen wollte. Wie üblich für mich, habe ich viel zu spät herumgefragt, und so keine Praktikumsstelle mehr in der Umgebung bekommen. Also fragte ich kurzerhand meine Eltern, ob ich nicht in der Pension helfen könnte. Für sie wäre es eine Hilfe und mir würde jemand die "blöde" Praktikumsbestätigung unterschreiben. Jetzt mag man denken, ich hätte eine Woche zuhause auf der faulen Haut liegen können, aber dann kennt man meine Eltern nicht. Ich bekam Einweisungen in die richtige Reinigung der Zimmer, musste eine Frühstücks-Checkliste erstellen oder Flyer. Danach war ich so gepusht, dass ich mir sicher war, den Laden selbst schmeißen zu können. Zum Glück standen eh Sommerferien an und so hieß es gleich „Tschüss Eltern“ und ich war die erste Woche auf mich allein gestellt.

Jetzt bin ich Chefin!

Ob Langschläfer oder nicht: Frühstück muss sein!

Ein typischer Tag läuft dabei ungefähr so ab: sehr früh aufstehen, Frühstück machen, Gäste auschecken, abwaschen, Zimmer putzen, Wäsche waschen, einkaufen, Wäsche aufhängen. Am Nachmittag finde ich dann mal Zeit, um an andere Dinge zu denken, aber natürlich sind Telefon und Kalender immer im Anschlag, um eingehende Buchungen notieren zu können. Im Idealfall folgt dann Schlaf, es kann aber vorkommen, dass spontan noch Radfahrer anreisen, die vom Weg abgekommen waren oder man von Gästen aufgrund eines Wasserschadens aus dem Schlaf gerissen wird. Und dann ist es plötzlich an mir, mitten in der Nacht einen Klempner zu organisieren, der den Schaden behebt und noch eine Stunde damit zuzubringen, das Gästebad vom Lehm zu befreien. Ich finde das Haus zwar wunderschön, aber die alte Bauweise kann einem ganz schöne Streiche spielen.

Ich bin Langschläfer und Vegetarier. Zwei Umstände, die beim Frühstückbereiten eher hinderlich sind. Wenn ich Bauarbeiter da habe, dann bestehen die auf ihren Wurstteller, und manche Pilger wollen früh los, um in der Mittagshitze rasten zu können. Die haben dann astronomische Zeitvorstellungen, was das Aufbrechen betrifft. Außerdem folgt dem Frühstück auch immer ein Abwaschmarathon und bei dem Gedanken von Spülwasser an meinen Händen wird mir schon ganz anders. Aber wenn das geschafft ist, folgt immer ein guter Tag. Dadurch, dass die Pension direkt am Elberadweg und in einer idyllischen Kleinstadt liegt, habe wir die verschiedensten Gäste und ich somit jeden Tag die Chance, nette Menschen kennenzulernen. Das kann der Großstadtkünstler sein, der sich auf dem Land nach einem Wochenendhaus umschaut und ganz begeistert über die Architektur der Stadt debattieren möchte. Oder der vom Regen völlig durchweichte Radfahrer mit einem riesigen Hund, denen man schon mit dem WLAN-Schlüssel und einer Dose Katzenfutter eine Freude bereiten kann.

Die Verpflichtung ruft?

Eigentlich habe ich hier den ganzen Tag etwas zu tun, aber es macht Spaß. Klar, Putzen gehört dazu, aber da lernt man schnell die nötigen Skills. Unabdingbar ist, mit jedem Menschen kommunizieren zu können, ob das schüchterne Pilger sind, übertrieben kommunikative Jäger oder Asiaten, die den Elberadweg erkunden und dabei auf eher dezente Englischkenntnisse zurückgreifen. Die wichtigste Herausforderung bleibt: Bei jedem neuen Türöffnen so strahlend zu gucken, dass die klingelnde Person sich sofort willkommen fühlt. Das ist auch für die Postfrau mal was anderes. 


Entspannung nach einem langen Arbeitstag!

Wenn ich alleine bin, kriege ich einen Anteil der Einnahmen. Allerdings unterstützen mich meine Eltern immer, daher bin ich nicht penibel und hadere um keinen Stundenlohn. Ich denke meine Eltern verdienen es auch mal, im Sommer Urlaub machen zu können. Juni bis September ist unumstrittene Hauptsession und das bedeutet auch bei einer privaten Zimmervermietung mit „nur“ acht Betten viel Stress, von dem sich meine Eltern ruhig auch mal eine Woche erholen sollen. Außerdem kenne ich sonst niemanden, der von sich behaupten kann, selbst eine Pension zu führen. Das ist schon ziemlich cool. Klar, der Job ist nicht sehr hilfreich in meiner Vita, aber für mich ist es nur von Vorteil, so oft wie möglich die Chance zu haben, meine Kommunikationsfähigkeiten weiter auszubauen. Fulltime wäre das allerdings nichts für mich. Mir fehlt da ganz klar die Trennung zwischen Arbeit und Privatleben, ich muss nicht rund um die Uhr erreichbar sein.

Mittlerweile bespielen meine Eltern ihre Pension in der 5. Session. Und sie läuft, wächst und gedeiht. Alles zum Wohl der Gäste und sie danken es ehrlich. Das Gästebuch quillt über von Lobeshymnen, immer wieder erreichen uns Postkarten vom Ende der Reise, bei der freudig zurückgeblickt und an uns gedacht wurde und manchmal wird sie da auch lobend erwähnt, die Tochter des Hauses.

Text: Mona Judith Zwinzscher
Fotos: SuBea, pixelio.de

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