Nebenjob

Zur Verabschiedung ein Handkuss

SPIESSER-Autorin Harriet arbeitet nebenbei in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung. Sie berichtet euch von ihrem Arbeitsalltag zwischen spontanen Liebeserklärungen und kryptischen Lauten. Eins ist dabei immer sicher: Ihre Arbeit hält allerhand Überraschungen parat.

21. Juli 2014 - 09:22
SPIESSER-Autorin TheGreenBook.
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Beigetreten: 19.06.2011

In meinem Nebenjob begleite ich Denya, eine mehrfach geistig und körperlich schwer behinderte Frau, bei alltäglichen Dingen, wie beispielsweise Einkaufen und Friseurbesuchen. Aber auch Kuchen essen und Kaffee trinken oder ein Bastelnachmittag in der Werkstatt sind Tätigkeiten, bei denen ich sie begleiten kann.

Mein Alltag mit Denya

Wie oft ich das mache, und wie lange ich jeweils mit ihr zusammen Zeit verbringen möchte, kann ich selber entscheiden. Wenn es in der Schule stressig ist oder ich anderweitig viel zu tun habe, hole ich sie alle zwei Wochen jeden Freitag für drei Stunden ab, ansonsten einmal in der Woche. Ganz vorbereitet kann ich im Wohnheim natürlich nicht aufschlagen. Je nachdem, was ich mit Denya vorhabe, muss ich mich entsprechend vorbereiten und einen Plan erstellen. Spontane Aktionen sind allerdings auch möglich, daher beläuft sich die Vorbereitung auf maximal 20 Minuten pro Monat. Und so sieht ein Tag mit ihr aus:


Harriet schaukelt mit Denya
(Unkenntlichmachung von uns)

Es ist Freitagnachmittag, ich komme nach acht Stunden Schule nur kurz nach Hause, um meine Handtasche zu holen und dann mit dem Fahrrad gleich weiter zur Arbeit zur fahren. Ich treffe mich wieder mit Denya. Sie ist Türkin, geht mir bis kurz unter die Brust, kann kaum sehen und auch nicht sprechen, nur undefinierbare Laute von sich geben, die ich nach über einem Jahr, das ich sie jetzt schon begleite, allerdings gut interpretieren kann. Ich klingle an der Tür ihrer Wohngruppe, mein Chef öffnet und Denya steht dahinter, mit ihrer Jacke in der Hand und Mütze auf dem Kopf. Sie fängt an, herum zu schreien, allerdings nicht weil sie wütend ist, sondern weil sie sich freut, mich zu sehen und wieder etwas zu unternehmen und schaut mich mit großen Augen an. Bevor wir die Wohngruppe verlassen, gibt sie dem Gruppenleiter einen Handkuss und zeigt mit den Worten „Halla, Halla, Halla“ auf mich. Das soll „Harriet“ heißen, mein Name, aber da sie nicht richtig sprechen kann, jedoch alles versteht, heiße ich für sie „Halla“. Jedes Mal, wenn sie mich so nennt, freue ich mich über die überschwängliche Begrüßung. Heute begleite ich Denya und eine weitere Mitbewohnerin mit ihrer Betreuerin zum Einkaufen. Als wir an der Kasse stehen, um zu bezahlen, streckt sie sich zu ihrer Mitbewohnerin hoch, umschlingt ihren Oberkörper mit beiden Händen, zieht sie zu sich herunter und küsst sie auf die Wange. So zeigt sie ihre Zuneigung, ganz direkt, und damit überrascht sie mich jedes Mal aufs Neue.

Was mich antreibt

Gemeinsam statt alleinsein!

Ich bin ehrenamtlich tätig, von daher wird mein Job eigentlich nicht bezahlt. Allerdings bekomme ich eine Aufwandsentschädigung von etwa 8 Euro pro Stunde – das ist zwar mehr als der Mindestlohn, aber aus Geldgründen sollte man sich natürlich nicht für diesen Job entscheiden, sondern weil er Spaß macht. Und genau das ist bei mir der Fall. Weil ich immer schon mit Menschen zusammenarbeiten wollte und man durch das Zusammensein mit behinderten Menschen viele tolle, oft unvergessliche Momente mitbekommt, gehe ich gerne arbeiten. Ich nehme meinen Job weniger als Arbeit wahr, sondern vielmehr als eine Art Mix aus Hobby, Spaß und Geldverdienen.

Ob mir mein Nebenjob auch etwas für meine berufliche Zukunft bringt, das kann ich jetzt noch nicht sicher sagen. Da ich immer einen sozialen Beruf ergreifen wollte und dieser sich super mit der Schule (und den Abiturvorbereitungen) vereinbaren lässt, kann ich so schon Erfahrungen sammeln – und auch in Hinblick auf meine berufliche Zukunft etwas lernen. Fest steht jedenfalls, dass ich schon jetzt sehr viel durch meine Arbeit gelernt und Erfahrungen gesammelt habe. Und jede Woche, wenn ich mit Denya Zeit verbringe, kommen neue hinzu.

Text: Harriet Hanekamp
Fotos: University of the Fraser Valley (CC BY 2.0), Privat, Flickr-User Nika J Y (CC BY-SA 2.0)

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