Meinung

Selfies zerstören
unseren Urlaub!

Klar, der Sommerurlaub bildet die beste Kulisse für spektakuläre Selfies. Aber das birgt Gefahren, findet SPIESSER-Autorin Lisa. Denn gerade durch den Selfiewahn wird es zum Luxus, sich nur auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren – oder einfach mal im Urlaub zu entspannen.

20. Juli 2018 - 11:33
SPIESSER-Autorin Lenee.
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Lenee Offline
Beigetreten: 10.07.2013

Man nehme #beach oder einen #sunset, füge sein Gesicht ein und fertig ist der perfekte #holidays#urlaubsfeeling-Moment. In meiner Chronik regnet es im Sommer noch mehr Selfies von der Sorte, die man lieber gar nicht machen sollte. Sexy Kurven vor weitem Meer, Paare im Paradies und Menschen, die egal wo vor ihre Arme schräg nach oben strecken, damit man sie ja nicht übersieht. Ich vor dem Louvre. Ich vor dem Eiffelturm. Ich vor der Cheops-Pyramide. Innerhalb von Sekunden kann das Selfie hunderte andere Displays neidisch machen. Was bringen Selfies von mir morgen, in einem Jahr oder wenn ich mal alt bin und verzweifelt meine Festplatte nach #teenspirit absuche? Gar nichts!

Selfies sind ein schöner Zeitvertreib. Aber sie zerstören den Urlaub, wenn sie das Hauptziel beim Reisens werden. Dann nämlich markieren sie Orte wie Hunde ihre Gehwege. „Ich war hier“-Selfies zerstören den Urlaub, wenn das Smartphone als Filter vor die Welt tritt und das Jetzt nur im zukünftigen Foto lebt.

#Me #Me #Me

Neu sind Selfies nun wirklich nicht. Der amerikanische Pop-Art-Künstler Andy Warhol wurde nicht zuletzt auch mit seinen Selbstfotografien in Fotoautomaten bekannt. Damals, 1968, gab es zwar noch keine Smartphones, aber Warhol erkannte, wie vergänglich Aufmerksamkeit im digitalen Zeitalter werden würde. Er prophezeite: In Zukunft wird jeder für 15 Minuten berühmt sein.

Zugegeben: 15 Minuten Aufmerksamkeit wären heute schon echt viel – bei mehr als 38.000 Bildern, die im letzten Jahr weltweit pro Sekunde gemacht wurden. Bereits im Mai 2013 rief die New York Times die „Me Me Me Generation“ aus und zeigte auf ihrem Cover eine Frau, die ein Handy auf sich selbst richtet. Und bis heute hat sich die Zahl der Bilder, die pro Jahr weltweit mit den Smartphones gemacht werden, im Vergleich zu damals sogar nochmal verdoppelt!

Selfies bestätigen das eigene Dasein

Das Selfie ist kein normales Foto. Mit dem Selfie fokussiert sich die Aufmerksamkeit auf den Fotografierenden selbst. Er (oder sie) sieht jetzt nicht nur die Welt, sondern sich selbst in ihr.
Der Italiener Marco d‘Eramo hat sich in seinem Buch „Die Welt im Selfie“ das Tourismuszeitalter vorgenommen. Er beobachtete, dass das Fotografieren das Anschauen oftmals ersetze. Dabei „drückt sich im Selfie ein unbezwingbares Bedürfnis aus, das eigene Dasein zu bestätigen“, schreibt er. Mit jedem Selfie schreiben wir quasi eine Fotostory weiter, die wir rückblickend unser Leben nennen.

Im Selfie glänzt die Welt mit reiner Haut und Partylaune. Selfies von anderen schreien auf unserem Display: Guckt mal, hier ist es wirklich exotisch! Seht, wie verliebt wir sind! Oder das Bild vor einem Abhang: Dafür braucht es Mut! Jaaa, ganz toll! Im letzten Monat ist übrigens mal wieder ein Paar beim Versuch an einer Klippe so ein Selfie zu machen in den Tod gestürzt. Das braucht echt keiner.

Die Welt mal wieder mit den Augen fotografieren

Mag sein, dass Selfies hübsche Urlaubstrophäen sind. Nur verlieren sie ihren Wert, sobald jeder tausende davon hat. Je größer unser Fotoarchiv desto unwahrscheinlicher ist es, dass wir es in zehn Jahren überhaupt noch ansehen. Außerdem entstehen Erinnerungen nicht aus diesen Bildern, sondern aus Stimmungen, Gerüchen, Lichtern. Und aus Menschen, Stimmen und Gesprächen. Was gibt es Prägenderes in einer neuen Umgebung als diese für eine Weile ungefiltert auf sich einregnen zu lassen? Ich jedenfalls bin mir sicher: Selfies als Erinnerung taugen nichts. Und darum, liebe Selfie-Menschen, lasst den Mist und genießt euren Urlaub ohne dabei an die News-Feeds der anderen zu denken. Diese Tage sind nur für euch. Gönnt euch den Luxus, die Welt so lange mit den Augen zu fotografieren, bis sie sich selbst in euer Gedächtnis einbrennt.

 

Text: Lisa Pausch
Teaserbild: Photo by Elijah O'Donell on Unsplash, bearbeitet

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