Meinung

Stoppt den „Opfer-Feminismus“!

Frauen sind auf dem aufsteigenden Ast des Baumes der Gesellschaft. Zumindest in den reichen fortschrittlichen Ländern dieser Welt ist der sich ausbreitende Feminismus in aller Munde. Dabei sind wie bei jeder größeren Bewegung die Kritiker nicht weit und fordern vehement ein Ende des sogenannten „Opfer-Feminismus“. Ist das eine nachvollziehbare Forderung oder sollte die Kritik sich nicht eher gegen die Verwendung dieses Begriffs wenden?

12. Dezember 2019 - 12:38
SPIESSER-AutorIn Mitdenkerin.
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Mitdenkerin Offline
Beigetreten: 27.07.2019

Wir leben in einer Welt, in der ein Präsident öffentlich sexuell belästigte Frauen nachäffen kann, ohne mit ernsthaften Konsequenzen rechnen zu müssen, in der Politikerinnen aushalten müssen sich als „Drecksfotze" bezeichnen zu lassen. Die Frauen und Männer der heutigen Zeit wurden von unterdrückten Müttern und unterdrückenden Vätern aufgezogen, die ihrerseits wieder mit den gleichen Rollenbildern aufgewachsen sind. Es ist nicht leicht, dieser Gewohnheit zu entrinnen. Die Ungleichbehandlung der Geschlechter hält sich, aber der Kampf dagegen wird größer und lauter. Dabei ist anscheinend die Art, mit der sich die Kämpferinnen äußern für Kritiker entscheidend. 

Am liebsten werden die Feministinnen mit dem Begriff „Opfer-Feminismus“ diffamiert: Die Frau stellt ihr Geschlecht immer als Opfer dar und pressen das andere permanent in eine Täterrolle. Diese Beurteilung geht zum einen davon aus, dass es „die Frau“ gibt und verkennt, dass der Feminismus nicht zwangsweise von Frauen betrieben werden muss. Damit kritisieren die Kritiker undifferenziert die Undifferenziertheit der Bewegung.

Wir sind uns vermutlich einig, dass niemand jammernde Menschen mag, aber wann ist das Wort „Opfer“ wieder zur Beleidigung geworden? Sollte sowas im Jahr 2019 nicht an der Hürde der politischen Korrektheit scheitern? Sind wir nicht langsam an einem Punkt angelangt, an dem Opfer ernst genommen und geschützt werden und nicht verspottet?

Feminismus kämpft gegen die jahrhundertelange gesellschaftliche Unterdrückung der Frau an, die – zwar in abgeschwächter Form – heute immer noch besteht. Dem Mann zu gefallen, war die Voraussetzung dafür, gesellschaftlich überhaupt eine Rolle zu spielen. Die finanzielle Abhängigkeit, die natürliche körperliche Unterlegenheit, die eingeschränkte Möglichkeit sich rechtlich zu wehren, begründen das traditionelle Frauenbild, begründen eine Opferposition. Heute kriegen auch Frauen Gehör, doch sind sie in zu vielen Erdteilen, in zu vielen Bereichen immer noch abhängig von der willkürlichen Gefälligkeit des Mannes. Zu viele Frauen sind immer noch Opfer. Wer diese Situation aufzeigt, begibt sich dadurch nicht selbst in eine Opferrolle, sondern kämpft in solidarischer Verbundenheit gegen die Unterdrückung der Frauen, denen die Emanzipation aus der Opferrolle aus eigener Kraft nicht gelingt.


Was macht eine gute Feministin aus?
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„Hab dich nicht so!“

Menschen, die sich darüber aufregen, dass „Opfer-Feministinnen“ die Schuld allein dem Mann zuschieben, machen das selbst ganz gerne in umgekehrter Form. Sie fragen nicht danach, was ein Mann tut, das dazu führt, dass sich Frauen unterdrückt, belästigt oder ungerecht behandelt fühlen. Sie fragen: „Warum lässt du dich denn unterdrücken? Warum lässt du die Männer so mit dir umgehen?“ und suchen damit die Schuld allein bei der Frau.

Was macht danach eine gute Feministin aus? Nicht zu meckern über das Leid, die Ungerechtigkeit, sondern einfach nach vorne zu schauen, sich nicht mehr belästigt zu fühlen, einfach nicht weiter unterdrückt zu werden? Ich dachte, wir seien langsam über die „schließlich hätte sie ja nicht so einen kurzen Rock tragen müssen“-Argumentation hinaus. Das ist lächerlich. Das ist keineswegs zielführend. Das ist genauso hilfreich wie der Tipp an ein Mobbing-Opfer: „Es liegt auch ein bisschen an dir, sei doch einfach cooler.“

Das Meckern ist größtenteils die Reaktion von privilegierten Personen, die sich in ihrer Machtstellung von den unterdrückten Minderheiten bedroht sehen, ob sie eine dunkle Hautfarbe haben oder Brüste. Wenn man inhaltlich keine Argumente entgegen zu setzen hat, kann man sich wenigstens über die Art und Weise der Argumentation des Anderen aufregen. Der Begriff „Opfer- Feminismus“ bietet für alle einen schnellen Ausweg aus unangenehmen Konversationen und lässt keinen Raum für differenzierte Argumentationen. Das letzte „Ja, aber“ in einer ungleichgewichtigen Diskussion. Wenn man selbst gar nicht so genau weiß, was man damit meint, hat einem niemand etwas entgegenzusetzen. Im Zweifel meinte man es halt anders als der Gegenüber.

Ein klares Feindbild – auf beiden Seiten

Natürlich ist nicht jeder Mann Täter und jede Frau Opfer. Und Frauen, die das behaupten, können nicht ernsthaft an einer zufriedenstellenden Lösung interessiert sein, genauso wie Männer, die sagen, alle Feministinnen würden das behaupten. Die Welt ist nicht nur schwarz und weiß, aber ein paar schwarze Schafe gibt es in jeder Bewegung und ein paar weiße Wölfe in jeder Gesellschaft. Fakt ist, dass signifikant mehr Frauen Opfer männlicher Gewalt im gesellschaftlichen Machtgefüge sind. Die durchschnittliche Frau ist eher Opfer und der durchschnittliche Mann ist eher Täter. Eine Frau hat es eben schwerer als ein Mann unter gleichen Bedingungen, auch wenn die Tochter des Chefarztes in Berlin es sicherlich leichter hat als der Sohn des Metzgers aus Uckerfelde. Eine weiße Frau mag es leichter haben als ein schwarzer Mann und eine gesunde leichter als einer mit körperlicher Behinderung.

Feministinnen kämpfen nicht für die Übernahme der Weltherrschaft bei gleichzeitiger Auslöschung männlichen Lebens. Man kämpft für Gleichberechtigung, wobei gleich nicht bedeutet, dass Frauen genauso wie Männer behandelt werden wollen, sondern dass das Geschlecht für die Chancengleichheit keine Rolle spielen soll. So wie Hautfarbe, Herkunft und Konfession keine Rolle spielen sollen. Wenn man seinen eigenen Logikfehlern nicht unterliegen will, kann man nicht die eine Form von Diskriminierung nutzen um eine andere zu relativieren.

Es ist keine Schande, sich seiner Situation bewusst zu sein und auf diese Chancengleichheit zu pochen. Damit begibt man sich nicht in die Rolle eines jammernden Opfers, sondern man setzt sein grundgesetzlich verankertes Recht auf Gleichberechtigung durch. Der Kampf für die Gerechtigkeit ist noch lang und er muss laut sein. Von den Opfern und Verbündeten solange die Opferrolle der Frau noch Realität ist.

 

Text: Stephanie Graetz
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