Meinung

Zwischen gleich und anders

Vor kurzer Zeit bin ich vom Land in die Großstadt gezogen. Trends, Menschen und Meinungen prasselten nur so auf mich ein und neben allen interessanten, neuen Erfahrungen blieb auch die eine oder andere Enttäuschung nicht aus. Aus diesem Grund wollte ich schreiben; über all die bunt-schillernde Andersartigkeit, den sich selbst überholenden Drang nach Individualität und alles, was dazwischen vielleicht auf der Strecke bleibt.

24. Januar 2018 - 09:49
SPIESSER-Autor DasLion.
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DasLion Offline
Beigetreten: 16.05.2017

Früher fühlte ich mich der Punk- und alternativen Szene sehr verbunden. Diese Idee kollektiver Ausgestoßenheit faszinierte mich. Aus dem Außenseiter-Sein eine Tugend zu machen, das war ein Schachzug. So einfach wie genial. Komm, lass uns unter das Radar derer abtauchen, die uns mit ihrer genormten Lebensweise abstoßen und uns verachten, in dem wir uns selbst zum Qualitätsmüll erklären. Make fun of yourself, so no one else can.

Seitdem ich vom Land in die Großstadt gezogen bin, hat sich in dieser Hinsicht viel verändert. Ich klatschte ungebremst aufs urbane Pflaster und fand mich selbst zwischen reichlich Punks, Goths und Ökos wieder, die mir für diese Kolumne wahrscheinlich zu gerne ihren veganen Coffee-to-go in die Visage schütten würden.
Die Hörsäle und die Cafés sind voll von ihnen. Junge Männer mit Nietengürteln und junge Frauen mit einer Menge Altmetall im Gesicht, die aussehen, als wäre ihnen die Frisur unter den Rasenmäher geraten.

Meine Ernüchterung

Ich kann mit diesen Menschen nichts mehr anfangen. Nicht, weil ich etwas an ihrem Aussehen auszusetzen hätte, sondern weil ich ihre Beweggründe einfach nicht mehr teile. Für mich war das Äußere immer Statement. Ausdruck einer inneren Haltung. Courage. Mir scheint jedoch, dass es hier nicht mehr den geringsten Mut erfordert, sich absichtlich unkonventionell zu kleiden oder sich die Haare in allen Regenbogenfarben bunt zu färben.

Diese Leute ordnen sich nicht mehr einer Szene zu, weil sie Außenseiter sein wollten, etwas zu sagen oder gar eine kontroverse Meinung hätten, sondern weil ihre eigene Unsicherheit sie dazu nötigt, ihr Abweichen von der Norm wie einen Schutzschild vor sich herzutragen. Sie unterscheiden sich nicht mehr von den Menschen, die wir im Allgemeinen „Mainstream“ nennen. Außer in dem, was sie über ihren nackten Körpern so eitel mit sich herumtragen.

Wenn jemand sich jedoch nur über sein Äußeres definiert und darin den Unterschied zu seinen Mitmenschen sucht, so ist dies der Inbegriff dessen, was wir „oberflächlich“ nennen. Ich will nicht behaupten, dass all diese Menschen oberflächlich seien, jedoch ist es in meinen Augen ihr krampfhaftes Streben nach Individualität.

Was bleibt

Denn was hat es für einen Wert, speziell zu sein, wenn alle sich in eine Uniform der radikalen Andersartigkeit zwängen? Keinen. Wenn alle anders sind, so stellt sich jeder Einzelne in eine Reihe von vielen und wird in der Masse zu dem, was wir gleich nennen. Was bleibt uns, dem vollständig verwirrten Rest?

Wir müssen wieder anfangen, mit neuen Maßstäben nach interessanten Persönlichkeiten in der Menge zu suchen. Und es sind zumeist nicht die, die am lautesten schreien, sondern die, die am eindringlichsten schweigen, mit denen es sich zu sprechen lohnt.

Text: Lion Schoor
Teaserbild: Photo by Levi Saunders on Unsplash

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