Meinung

Tindern
für die Selbstreflexion

Verpönt, verurteilt und doch wird sie von ca. 2,5 Millionen Menschen genutzt – die Tinder-App. SPIESSERin Frieda findet, dass man Tinder eine Chance geben sollte, denn am Ende hast du ein Match mit dir selbst.

10. November 2017 - 16:08
SPIESSER-AutorIn freedy.beedy.
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freedy.beedy Offline
Beigetreten: 01.08.2017

Dass auf Tinder nur Menschen unterwegs sind, die es wirklich nötig haben, halte ich für ein Gerücht. Nicht jeder Mensch hat nur Interesse an schnellem Sex. Ich kenne auch welche, die über Tinder ihre große Liebe kennengelernt haben. Außerdem ist Onlinedating eben einfacher und unkomplizierter. Wenn ich morgens in die Straßenbahn steige, dann sehe ich Menschen, die ich schön und interessant finde, aber das würde ich ihnen nicht sagen, weil ich nicht den Mut dazu aufbringe und alles in mir schreit: „Nein, das macht man nicht, du Creep!“.  Auf Tinder hingegen könnte ich sie jetzt „liken“, nach „rechts swipen“ oder „matchen“, wenn sie mich auch gut finden. Und alles nur mit einer Bewegung meines Fingers – so einfach ist das.

It’s a Match!

Dann kommt der eigentliche, spannende Teil: Was schreibe ich, was schreibt der andere? Oh wie verführerisch es ist, sich selbst in das beste Licht rücken zu können. Da hat man keine privaten Probleme, nein, wir sind alle mehr oder minder erfolgreich und jung und gutaussehend und tierlieb und tolerant und das bin ich und das bist du natürlich auch. Das Beste daran: wir wohnen nicht weit voneinander entfernt – wären wir nicht perfekt für einander? Wir können auch „nur“ reden, wir können aber auch gleich zur Sache kommen. Ist mir egal, dir auch? Ok.

Dann treffen wir aufeinander, Namen schon vergessen oder ins Gedächtnis eingebrannt, reden, lachen, stellen fest, dass es passt. Mist, es passt doch nicht – ist mir egal, dir auch? Ok.
Danke für dieses kleine Abenteuer/Herzrasen/ Enttäuschung/Angst, aber deine Nummer hab ich schon gelöscht, denn eigentlich hab ich kein Interesse an dir oder doch, aber du nicht an mir, oder wir nicht an uns, aber ist mir egal, dir auch?

Ok.

Oh baby, you should love yourself

Ich hab Tinder gelöscht. Denn so gleichgültig das alles gerade klingen mag, eines ist mir nach allen Treffen, Chats und offenen Matches klargeworden – ich brauche Emotionen, ich brauche Gesichter, ich brauche Selbstbewusstsein. Die Verlockung, sich selbst zu profilieren, ist groß, dafür ist die Enttäuschung umso größer, wenn man nach einigem hin- und herschreiben auf die Person trifft und einem komplett anderen Menschen gegenüber steht. Zwar verstelle ich mich nicht, um zu gefallen, aber das ist gar nicht mal so leicht. Ich habe mich nach meinen Tinder-Erfahrungen selbst infrage gestellt: wer ich bin, was mich ausmacht und was ich eigentlich möchte. Denn so oberflächlich sich die App selbst auch darstellt (siehe App-Beschreibung), macht man sich trotzdem Gedanken, wie man auf seine Umgebung und Mitmenschen wirken möchte, sei es auch in Form eines kleinen Textfeldes und fünf Fotos. Also hat Tinder es wahrscheinlich geschafft, dass 2,5 Millionen Menschen sich Gedanken über sich selbst gemacht haben – das ist doch schon mal was.

Mir hat die App letztendlich gezeigt, dass ich so bin, wie ich bin und auch im Alltag, außerhalb meines Smartphones, nicht einknicken sollte, nur um zu gefallen. Vor allem aber: dass ich Tinder nicht brauche, es aber auch nicht bereue, die App genutzt zu haben.

Und falls du gerade in der Straßenbahn sitzt, diesen Text liest und einen süßen Typen siehst, dann sprich ihn an!

 

Text: Frieda Rahn
Teaserbild: Priscilla Du Preez on Unsplash

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