Mittagspause mit ...

Vom Kicken,
AC/DC-Hören und Unbequeme-Fragen-Stellen

Ralf Kleber ist Geschäftsführer von Amazon.de GmbH. Warum er fast auf dem Fußballplatz gelandet wäre und nun Bücher, Toaster, Klopapier und Staubsauger verkauft, hat er SPIESSER-Autorin Katrin bei der Mittagspause erzählt.

27. August 2014 - 12:43
SPIESSER-Autorin donka.
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donka Offline
Beigetreten: 28.04.2009

Herr Kleber, immer mehr kleinere Geschäfte können dicht machen, weil ihnen die Kunden zum Onlineriesen weglaufen. Was entgegnen Sie dem Vorwurf, Amazon verursache Ödnis in den Innenstädten?

Amazon schafft Vielfalt. Letztlich entscheidet jeder Kunde selbst, wo er kauft. Ich als Händler würde mich darauf einstellen, dass der Kunde heutzutage ein Smartphone oder Tablet in der Tasche hat und jederzeit, zu jeder Stunde und an jedem Ort einkaufen gehen kann und wird.

Ich finde es einfacher, in den Laden um die Ecke zu gehen, statt mir mein Klopapier von Amazon liefern zu lassen.

Bei uns kann man Artikel des täglichen Bedarfs abonnieren, und wir verschicken sie automatisch in einem selbstgewählten Rhythmus. Das ist besonders wichtig für Kunden, die in Gegenden wohnen, wo es kein Geschäft um die Ecke gibt. Und für die in der Stadt: Es sieht auch nicht besonders toll aus, mit einer Rolle Klopapier unter dem Arm durch die Straßen zu laufen.

Gehen Sie überhaupt noch „offline” einkaufen?

"Ich war schon immer von der amerikanischen
Unternehmenskultur fasziniert."

Ich kaufe sehr viel bei Amazon ein, aber nicht alles. Vor kurzem war ich mit meiner Tochter im Urlaub beim Shoppen und musste an manchen Läden eine halbe Stunde anstehen, bis wir drinnen waren.

Möchte Ihre Tochter später auch Amazon-Chefin werden?

Ihr Berufsbild ist ungefähr so gefestigt, wie es meines mit dreizehn war. Ich glaube, da wollte ich Fußballprofi werden. Aber ab und zu fällt schon mal der Satz: Amazon-Chef zu sein, wäre ganz cool.

Wie kam es zu einer Karriere als CEO* eines Onlineversands anstatt der eines Fußballers?

Während der Schulzeit wusste ich noch gar nicht, was ich werden sollte. Ich habe dann an der Berufsakademie meinen Betriebswirtschaftsabschluss gemacht und sofort angefangen zu arbeiten. Das war der schnellste Weg, etwas zu verdienen. Ich war schon immer fasziniert von der amerikanischen Unternehmenskultur und mag die Art, so zu arbeiten: schnelle Entscheidungen, tägliche Innovationen, auch mal ein Risiko in Kauf nehmen, der direkte Umgang miteinander. Die Idee von Amazon fand ich großartig und durfte dort nach meiner Einstellung als „Director Finance & Administration” einen meiner Träume erfüllen: das erste Mal in meinem Leben mein eigenes Team einstellen. Dass ich 2002 Geschäftsführer wurde, war nie mein Plan, das hat sich ergeben.

Der Onlineversandhandel boomt. Darin könnte deine berufliche Zukunft liegen? Finde es heraus:

1 Du hast langjährige Online-Shopping-Erfahrung? Ein guter Anfang! Du kennst dich auch mit dem Aufbau von Webseiten aus? Noch besser!
2 Auch Zahnbürsten und Katzenstreu sollen online an die Frau und den Mann gebracht werden. Bei den Begriffen „Sales“ und „BWL“ solltest du also keine kalten Füße bekommen.
3 Kundenkontakt ist das A und O. Auch ein bisschen schönreden und übertreiben, ist erlaubt. Hauptsache, du hast das Gespür für die Wünsche deiner Kunden.
4 Mit Projektmanagement kannst du gar nichts anfangen? Mmh, blöd, denn im Onlinehandel musst du ständig spontane Entscheidungen treffen und auch mal mit deinem Team Rücksprache halten.
5 Oft gesucht in dieser Branche werden Informatiker, die sich mit der IT beschäftigen, Marketing-Experten, die sich um die Bewerbung der Produkte kümmern und E-Commerce-Manager, die den Verkauf der Waren regeln. In Deutschland gibt es mittlerweile richtige Fachstudiengänge, die dich für eine Karriere im Onlinehandel fit machen, zum Beispiel an der FH Wedel und der FH Jena.

Vielleicht habe ich vorhin einen falschen Eindruck gewonnen: Sie sitzen in Ihrem Büro, hören Pink Floyd, AC/DC und Linkin Park. Sieht die Arbeit als CEO wirklich so aus?

Das ist doch ein toller Job! Meine Hauptaufgabe ist das Zusammenstellen von Teams. Ich muss die richtigen Themen priorisieren, Brücken zwischen Mitarbeitern bauen und dafür sorgen, dass genügend Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Ich versuche in jedem Meeting, der Anwalt des Kunden zu sein und manchmal auch unbequeme Fragen zu stellen.

In der Vergangenheit ist Amazon wegen der Arbeitsbedingungen in seinen Logistikzentren immer wieder in die Kritik geraten – bleiben die Mitarbeiter bei so viel Innovationsdruck nicht auf der Strecke?

Die Logistik ist mit körperlich anstrengender Arbeit verbunden, deshalb muss man für ein Umfeld mit hohen Sicherheitsmaßnahmen sorgen. Die Logistikzentren haben eine der niedrigsten Unfallraten überhaupt. Mitarbeiter nehmen Ware aus Regalen, verpacken und versenden sie. Dafür zahlt Amazon gut: nach einem Jahr verdient keiner unter zehn Euro die Stunde.

Was soll das Wort „Amazon” eigentlich bedeuten?

Amazon sollte ursprünglich Cadabra heißen, aus Abracadabra. Jeff Bezos, unser Gründer, wollte damit eigentlich diese Magie zum Ausdruck bringen: Schwuppdiwupp und alles ist plötzlich da – ein Mausklick, morgen klingelt es schon an der Tür und ich bekomme ein Paar Schuhe in die Hand. Nur war Cadabra ein bisschen schwer auszusprechen, und Jeff suchte nach einem neuen Wort. „Amazon” steht sinnbildlich für den Fluss Amazonas, seine Vielfalt und tausend Nebenarme.


Auf den Schultern eines CEOs ruht eine
große Verantwortung: er kümmert sich
um die strategische Ausrichtung des
Unternehmens und ist für dessen
Gewinn und Umsatz verantwortlich.
Wir sollten vielleicht eine kurze Gesprächspause einlegen, sonst wird unser Mittagessen noch kalt. Immerhin eine Sache, die man sich nicht bei Amazon bestellen kann.

Diesen Service für frische Artikel gibt es in Seattle und Los Angeles sogar schon. Man kann bis abends einkaufen, die Liefermannschaft bringt die Sachen über Nacht, und wenn man morgens wach wird, steht das Frühstück vor der Haustür.

Gibt es Pläne für die Zeit nach Amazon?

Nein. Sehe ich aus, als müsste ich in Rente gehen? Es ist ja noch ein bisschen Zeit. Ich mache das jetzt seit 15 Jahren und damit viel länger, als ich geglaubt habe. Ich tue das, was mir Spaß macht. Deswegen stellt sich die Frage nicht, ob ich mich langweile – weil es jeden Tag etwas Neues gibt.

Text: Katrin Werner
Fotos: Johannes Mairhofer

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