SPIESSER unterwegs

Marotten einer Elite-Uni

Reiche Schnösel, die in ihrer eigenen Welt leben und auf „normale“ Menschen herabblicken – sind das wirklich die typischen Oxford-Studenten? SPIESSER-Autorin Ronja muss es wissen, denn sie studiert selbst an der britischen Elite-Uni.

20. April 2015 - 10:37
SPIESSER-Autorin ronja.lustig.
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ronja.lustig Offline
Beigetreten: 26.06.2013

Ein weiterer Korken knallt, ich weiß nicht, der wievielte an diesem Abend. Ich nehme ein wenig von dem blubbernden Getränk – natürlich Champagner – in Empfang. Meine Hände halten krampfhaft das Glas fest: Jetzt bloß nichts auf das Abendkleid verschütten! Das habe ich doch am Nachmittag erst gekauft, als ich Oxfords Straßen rauf und runter rannte, um etwas Passendes für das gemeinsame Abendessen mit meinen Psychologie-Kommilitonen, unseren Tutoren und unserem Prof zu finden. Ein Kleid, das ich mir leisten kann - ohne darin wie ein Trampel oder eine übergroße Wurst auszusehen.


Hier studiert Ronja – sieht doch hübsch aus.

Alle anderen Studenten um mich herum scheinen im Gegensatz zu mir in ihrer Abendgarderobe ganz zu Hause zu sein; ein Kommilitone verrät mir, dass ihn sein Anzug an seine Schuluniform erinnert. Ich dagegen fühle mich wie in einem seltsamen Traum. Ich versuche, die kostbaren Antiquitäten und Gemälde um mich herum nicht zu berühren, aus Angst, sie könnten sich auflösen. Dann kommt unser Psychologie-Professor auf mich zu, den alle Anwesenden bloß „Paul“ nennen und sagt: „Ich glaube, ich habe zu viel Dessertwein bestellt.“

Ja, genau so sieht ein Abendessen am College hier aus. Und um ehrlich zu sein, war es genau das, wovor ich mich gefürchtet habe, als ich vor knapp zwei Jahren zum ersten Mal mit dem Gedanken spielte, mich an der Uni Oxford zu bewerben. Über das eigentliche Studentenleben an dieser renommierten Uni wusste ich dagegen wenig: Das einzige, was ich damit verband, war diese besondere Bildung – ein echter Traum für Möchtegern-Intellektuelle wie mich. Aber da war dann auch noch diese gewisse Erhabenheit, die man den Studenten an der Uni nachsagt und die passte nun wirklich nicht zu mir. Als ich meinen Kurs fand – Psychologie, Philosophie und Linguistik – war mir das aber plötzlich egal. Was die Uni-Webseite mir über die Lehrstruktur und das ganz besondere Tutorial-System von Oxford verriet, war genug – ich war rettungslos verliebt. Für mich klang das so: wöchentliche Essays und Diskussionen – und Spitzenphilosophen praktisch ganz für mich alleine. Eine süße Verheißung.

Leben wie Harry Potter

Inzwischen habe ich die ersten beiden meiner Trimester (die drei Abschnitte, in die unser akademisches Jahr aufgeteilt ist) hinter mir und die ersten Prüfungen bestanden. Es waren turbulente Zeiten. In den zwei Monaten, die so ein „term“ dauert, passiert so viel, dass die Außenwelt richtig unwirklich wird. Selbst die Zeitrechnung verschiebt sich: Bald verstand ich nur noch Daten wie „Montag, dritte Woche“ und verlor völlig das Gefühl für Feiertage oder die Geburtstage meiner Freunde von außerhalb.


Kommt euch der Oxford-Saal bekannt
vor? Richtig, hier wurden die Szenen im
Hogwarts-Krankenflügel für die Harry
Potter-Filme gefilmt.

Das Leben innerhalb der Oxford bubble (der „Oxford-Blase“) ist meiner Familie immer noch ein Mysterium: Ein bisschen klingt es für sie wie eine Geheimgesellschaft – jahrhundertealte Bibliotheken und Bogengänge, die sich durch die ganze Stadt ziehen, spezielle Umhänge, die wir zur Immatrikulation, Prüfungen und zum Abschluss tragen. Es ist fast sowas wie eine wahrgewordene Harry-Potter-Fantasie – und tatsächlich nennen wir die Vorbilder für die große Halle und die Bibliothek von Hogwarts unser eigen (in echt der Speisesaal des Cristchurch College und die Duke Humfrey Library). Am Samstag rennen sogar allen Ernstes ein paar der Studenten hier mit Stöcken durch den Park und spielen Quidditch.

Markenklamotten und endlose Debatten

Als ich in den ersten Wochen meine College-Mitbewohner hier in Oxford kennenlernte, traf ich auf englische Juristensöhne, die im Gegensatz zu mir ihre ganze Privatschulzeit lang auf Oxford hingearbeitet hatten. Bei meinen Nachbarn zu Besuch stellte ich dann fest, dass teure Markenhemden für sie an der Tagesordnung waren. Nur das Teuerste schien gut genug zu sein. Genauso schnell fand ich dann jedoch heraus, dass meine Vorurteile über Oxford und seine Bewohner vor allem eins waren: Klischees.

Wie an jeder anderen Uni auch prallten im ersten „term“ erstmal viele verschiedene Typen aufeinander und wir alle hatten ein gewisses Unbehagen gemeinsam. Die meisten versuchten, das durch Partys auszugleichen – Partys, auf denen niemand die anderen wirklich kannte. Mir wurde klar, dass wir alle fürchteten, nicht dazu zu passen, nicht besonders oder clever genug zu sein. Als wir uns schließlich ein bisschen mehr an der Uni zu Hause fühlten, kamen dann auch andere Gemeinsamkeiten zutage.

Endlich angekommen

Na, wenn das nciht mal eine schöne Bibliothek
ist 400 Jahre alt übrigens.

Eines Abends ging ich zu einer Diskussionsrunde zum Thema Europapolitik. Als ich den holzgetäfelten Saal der Oxford Union verließ, traf ich auf ein paar Studenten aus meinem College, die ich vom Sehen kannte. Auf dem Heimweg tauschten wir uns über unsere Meinung von Europa aus. Da waren wir nun eine Engländerin, ein Italiener, ein US-Amerikaner und ich, die Deutsche. Drei Stunden später saßen wir immer noch in der Bar des Colleges und debattierten hitzig über die Rolle des Staates in der Wirtschaft und Grundlagen für universelle moralische Richtlinien. Als ich in jener Nacht schließlich mein Zimmer im College erreichte, war ich zum ersten Mal sicher, dass auch ich irgendwie hierher passe. Trotz unserer unterschiedlichen Gewohnheiten und Überzeugungen verbindet uns alle die Freude am Denken, Diskutieren und Probieren.

Noch dazu entdecke ich inzwischen immer mehr spannende Facetten meiner Kommilitonen: Ich lerne Unternehmer und Aktivisten kennen – eine Freundin von mir stellte sogar vor Kurzem eine Oper auf die Beine.

Inzwischen mache ich mir keine Gedanken mehr darüber, nicht zu Oxford zu passen. Ich habe gelernt, dass der Bücherstaub und die seltsamen Traditionen nichts als liebenswerte Marotten sind, eine Tarnung für die Vielzahl an inspirierten, engagierten und einzigartigen Individuen, die diese Universität letztendlich ausmachen.

Text und Bilder: Ronja Lutz

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