Kolumne

Dann macht‘s doch besser!

Wovon darf Angela Merkel keine Ahnung haben? Wann dürfen Politiker Fehler machen? Und warum wissen wir alles besser als sie? Politiker haben riesige Verantwortung, keine Freizeit und Gegner auf allen Seiten. Für unsere Demokratie muss ein anderes Bild über sie her.

19. Dezember 2019 - 09:21
SPIESSER-AutorIn maxiise.
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maxiise Offline
Beigetreten: 03.02.2016

„Die Politik hat versagt“, hört man heute immer wieder, „die haben ja alle keine Ahnung“. Halblallende Stammtischparolen, die es mittlerweile auf die Straßen, ins Fernsehen und bis in den Bundestag geschafft haben. Über Politiker meint man sich schnell ein Urteil bilden zu dürfen: Einen verschwörerischen Post auf irgendeiner Hinterwäldler-Facebookseite gelesen und sofort sind „die da oben“ nur noch machtgeile Nichtsnutze. An solche Hetzer kann ich nur sagen: Schämt euch! Oder macht‘s doch selbst besser.

Merkel muss weg! Und dann?

Es ist schnell gesagt und lässt sich so schön schreien: Merkel muss weg! Die Bundeskanzlerin, die dieses Land seit 14 Jahren regiert, steht (nicht nur bei rechten Idioten) im Zentrum des Hasses. Manche sehen sie als Symbol für alles Schlechte, für jede noch so irrationale Angst. Was diese Leute nicht erkennen: Uns geht es in Deutschland gerade viel besser als den meisten Ländern in diesen kranken Zeiten. Und ohne ein Riesenfan von Merkel zu sein, muss man respektieren, dass diese Frau wahrscheinlich den härtesten Job von uns allen hat. „Merkel muss weg“, schreit ihr, aber würdet ihr mit ihr tauschen?

Jobangebot: Wer hält das durch?

Morgens um sieben ins Büro, dann etliche Konferenzen, lange Verhandlungen, Termine, Interviews und um 23 Uhr nach Hause – und das mindestens sechs Tage die Woche. Die Bezahlung? Gut, aber nicht vergleichbar mit einem großen Wirtschaftsunternehmen. Privatleben? Eine Woche in der Sommerpause. Morddrohungen? Täglich. Vor die Tür deshalb nur mit Begleitschutz oder im gepanzerten Wagen. Sonstige Gefahren? Überall: Verrückte Populisten und Kriegstreiber, mit denen man es sich nicht verscherzen sollte. Politische Gegner, deren Job es ist, alles erstmal schlecht zu finden, was man sagt oder tut. Und die (Sozialen) Medien, in denen jedes falsche Wort das Ende der Karriere bedeuten kann. Unwissen? Wird nicht geduldet. Fehler? Können über Krieg und Frieden entscheiden.

Eine Menge Verantwortung also, ein unmenschlicher Zeitplan und Druck von allen Seiten. Aber Beschwerden darüber hört man trotzdem nie und Anerkennung von den Bürgern dürfen sich die Politiker dafür auch nicht erwarten. „Die Ängste der Bürger ernstnehmen“, sollten sie immer. Und das stimmt auch. Aber die Bürger müssten auch mal anfangen, die Politiker ernst zu nehmen und ihnen als gewählten Volksvertretern zu vertrauen. Nach einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung haben die Deutschen nämlich von allen Berufsgruppen am wenigsten Vertrauen in Politiker: 14 Prozent, also nur jeder siebte vertraut ihnen! Das ist ein Armutszeugnis für unsere Demokratie.

Die Demokratie ist unantastbar

Die Demokratie ist die Basis von allem, was wir für selbstverständlich halten. Aber sie ist keine Selbstverständlichkeit, sie muss immer wieder verteidigt werden. Politiker geben der Demokratie Struktur und Ordnung, sie halten das System am Laufen und bereiten es für die Zukunft vor. So jedenfalls die Theorie.

Natürlich gibt es schwarze Schafe, die nicht das Beste für die Bürger wollen, sondern nur für sich selbst. Und natürlich machen auch gute Politiker jede Menge Fehler. Aber selbst wenn man jeden Einzelnen „da oben“ scheiße findet, kann man nicht sagen, Politiker an sich seien scheiße. Sicher ist, dass das schlechte Ansehen den Beruf für junge Manschen immer unattraktiver macht. Dabei braucht es genau die, um die Politik diverser, bunter und menschlicher zu machen. Denn ohne Politiker keine Demokratie. Und dann macht jeder, was er will – oder alle, was einer sagt.

 

Text von Maximilian Sepp
Fotos: Photo by Joakim Honkasalo on Unsplash

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