Kolumne

Körperchaos

Katharinas Kolumne: Diesmal über Protest unter Einsatz des eigenen Körpers.

25. Januar 2019 - 13:20
SPIESSER-Autorin Ka.thi.
Noch keine Bewertungen
Ka.thi Offline
Beigetreten: 16.03.2015

Arvida Byström ist ein schwedisches Model. Sie sieht aus wie das typische weibliche eurozentristische Schönheitsideal: hellblonde Haare, groß, schlank. Auf Bildern trägt sie oft feminine Pastelltöne, sie wirkt süß, fast mädchenhaft. Und doch bekommt sie seit einer Werbekampagne mit Adidas regelmäßig Morddrohungen wegen ihres Äußeren. Der Grund: Sie möchte ihre Beine nicht rasieren und präsentiert sie lang behaart in einer Schuhwerbung. Was Arvida Byström macht, ist ein Protest, ohne etwas zu machen, genauer gesagt, ohne täglich Zeit mit Rasieren, Waxing oder einer anderen Art der Haarentfernung zu verbringen. Sie protestiert mit ihrem Körper und macht nicht einmal etwas dabei. Es scheint also ziemlich einfach zu sein, mit dem eigenen Körper zu protestieren.

Bisher hab ich mich immer hinter sebstgemalten Pappschildern versteckt und im Chor „gleiches Recht für alle“ gefordert, wenn ich für oder eher gegen etwas meine Stimme erheben wollte. Auch das ist eine wichtige Form des Protestes, aber statt unmittelbar bei mir selbst zu beginnen, habe ich dabei viele Schritte übersprungen. Und dass das auf lange Sicht nicht gutgeht, habe ich spätestens gemerkt, als mir – wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde – die Schamesröte ins Gesicht stieg, als eines Tages eine Handvoll Frauen oben ohne an mir vorbeirannten. Ich fühlte mich ertappt, denn eigentlich trete ich genau für das Gleiche wie diese Frauen ein. Aber ihr Auftreten schien auch für mich noch zu ungewohnt, um hundertprozentig gelassen zu bleiben.

Mit dem Körper zu protestieren, heißt gegen Normen zu kämpfen und dadurch Chaos zu stiften: Das kann auch heißen, Hosen mit Querstreifen zu tragen, auch wenn deine Beine als Problemzone gelten, als Mann bauchfrei wagen, High Heels als große Frau tragen oder, wie es ein paar Jungs in England gemacht haben, Röcke statt der üblichen Hosen der akkuraten Schuluniform. Das Gute am körperlichen Protest: Er tut normalerweise niemandem physisch weh, außer mir selbst. Vielmehr streut der Protest Salz in eine Wunde und drückt noch einmal kräftig zu. Es handelt sich mehr um eine moralische Gewalt, die sagt: „He schau mal, erträgst du das?“

Wenn ich für mehr Diversität bei Körperidealen in den Hungerstreik gehe, muss ich über meine eigenen Grenzen entscheiden. Je stärker ich sie strapaziere, desto mehr meldet sich wohl auch bei anderen die Sanktion: das schlechte Gewissen. Bei dem besagten feministisch angehauchten Oben-ohne-Protest trat die Wirkung schneller ein. Doch in jedem Fall mache ich mir als Außenstehende Gedanken. Körperlicher Protest heißt also nicht nur meine Stimme zu erheben, sondern mich als Ganzes, als Körper, in einer intimen und verletzlichen Art und Weise.

Wenn das nächste Mal jemand durch seinen Körper die Schamtoleranz ausreizen will, möchte ich meine Gesichtsfarbe behalten und sagen können: „Weiter so!“, um der Person den Respekt zu zollen, den sie verdient. Denn körperlicher Protest verlangt vor allem eines: Mut. Was ich mir jedoch an oberster Stelle wünsche, ist, dass Arvida Byström bei Gilette unter Vertrag steht – um für ein Pflegemittel für ihre Körperbehaarung zu werben.

Text: Katharina Petry
Teaserbild: Lena Schulze

Dir gefällt dieser Artikel?

Kommentare

Trau' dich, schreib einen Kommentar!
Mehr zum Thema „Kolumne
  • Cherilia
    Kolumne

    Sei leidenschaftlich! Und kompatibel.

    Wer Bewerbungen schreibt, steht unter immensem Druck. Die eigenen Fähigkeiten müssen in kürzester Form präsentiert werden. Immer öfter geht es dabei aber scheinbar noch um etwas anderes – darum, besonders verliebt in seinen Job zu sein.

  • Cherilia
    Kolumne

    YouTube als Sprachrohr für Gott

    Christliche Influencer, sogenannte „Christfluencer“, tragen nicht einfach ihren persönlichen Glauben nach außen. Sie vermarkten ihn vielmehr – wie ein Lifestyle-Produkt. Dabei nutzen sie modernste Kommunikation, um zu missionieren und aktiv gegen Werte wie die Gleichberechtigung

  • Cherilia
    Kolumne

    Sprecht darüber, statt zu (ver)schweigen

    Was in Hanau am 19. Februar passiert ist, war für viele ein Auslöser von Angst. Tatsache ist aber, dass diese Angst für viele People of Colour in Deutschland Alltag ist.

  • Cherilia
    Kolumne

    Was ist die Philosophie wert?

    Die Philosophie hat einen schlechten Ruf. Sie steht im Verdacht, ein Studienfach für Menschen zu sein, die schlicht nichts Besseres mit ihrem Leben anzufangen wissen. Dabei ließe sich gerade mithilfe der Philosophie unsere durchökonomisierte, neoliberale Gesellschaft auf den Kopf stellen.

  • maxiise
    Kolumne

    Früher war alles leichter

    Allgemeinbildung heißt heute Google, sagen manche. Aber das reicht nicht. Die Welt ist so kompliziert geworden, dass man leicht den Überblick verliert. Woher soll man wissen, was man wissen muss? Ein Gespräch zwischen Vater und Sohn.

  • maxiise
    Kolumne

    Dann macht‘s doch besser!

    Wovon darf Angela Merkel keine Ahnung haben? Wann dürfen Politiker Fehler machen? Und warum wissen wir alles besser als sie? Politiker haben riesige Verantwortung, keine Freizeit und Gegner auf allen Seiten. Für unsere Demokratie muss ein anderes Bild über sie her.

  • maxiise
    Kolumne

    Die Karten sind gelegt: Das war es für Bares

    Mal ehrlich: Bargeld ist so modern wie der Dieselmotor, Atlanten oder Telefonzellen. Eine Zukunft hat es in einer digitalen Welt nicht. Zeit loszulassen, auch wenn das „dem Deutschen“ schwerfällt.

  • Der Mann den Sie Pfirsich Nannten
    Kolumne

    Rezo zerstört die CDU, die CSU zerstört sich selbst

    Orientierungslos blieben die eingesessenen Politikprofis zurück nachdem ein junger interessierter Mann mit auffälliger Frisur plötzlich den dunklen Raum der Politik für Jugendliche öffnete. Und die Erwachsenen reagierten, als würden sie von ihren Kindern beim Sex erwischt.

  • maxiise
    Kolumne

    Hört auf, Kinder zu posten!

    Bilder von Kindern gehören nicht ins Internet. Denn auch sie haben ein Recht auf Privatsphäre wie jeder von uns. Und selbst würde wohl keiner ein Bild von sich beim Kacken, Kotzen, Heulen oder Nacktbaden hochladen.

  • maxiise
    Kolumne

    „Politische Korrektheit“ ist voll behindert

    Bei Konservativen ist es cool geworden, nicht mehr „politisch korrekt“ zu sein. Aber was heißt das überhaupt und warum sollte man erst denken und dann sprechen?

  • maxiise
    Kolumne

    Bushido und das unsinnige Gerede über Loyalität

    Wer spricht schon über Loyalität? Meistens die Leute, die sie von anderen einfordern oder sich selbst damit brüsten wollen, wie loyal sie doch sind. Oh, und Rapper natürlich. Echte Loyalität aber sollte nichts anderes sein als eine unausgesprochene Selbstverständlichkeit.

  • maxiise
    Kolumne

    Anonymität – Der Preis des Erwachsenwerdens!?

    Unser Kolumnist Max schaut sich einen Text von sich selbst an, in dem er nach dem Abi verzweifelt auf die Welt der Erwachsenen geschaut hat. Heute sieht er vieles anders. Ist vielleicht doch nicht alles so scheiße, wie es manchmal scheint.

  • maxiise
    Kolumne

    Die „Generation Rezo“ kann selber denken

    Bei den Reaktionen auf das Rezo-Video fällt auf: Nicht nur die CDU versteht die Jugend nicht mehr, auch Medienmacher haben den Zugang zur jungen Generation verloren. Vielleicht braucht es die Jungen, um den Alten etwas zu erklären.

  • maxiise
    Kolumne

    Gleichberechtigung unerwünscht

    Unsere Gesellschaft ist so gleichberechtigt wie noch nie zuvor. Trotzdem gibt es einige empörte Feministinnen und Feministen, die anscheinend nicht an Gleichberechtigung interessiert sind und damit die Glaubwürdigkeit und den Wert ihrer Bewegung untergraben.

  • Individuot
    Polimika – die Kolumne

    Mädchen-Mädchen-Tag

    Liebe Freundinnen des Rosas und Pinks, der Blumen und Schokolade – der Valentinstag ist mit seinem Kitsch und seinen Klischees mal wieder über uns geschwappt. Und wisst ihr was? Ihr könnt ihn haben, euren Prinzessinnen-Tag. Besser gesagt: Haltet ihn uns ja vom Leib!

  • maxiise
    Kolumne

    Handball-Revolution: König Fußball muss gestürzt werden

    Nicht Weltmeister, kein Finale, nicht mal Dritter. Die Handball-Heim-WM hat Deutschland in den Bann gezogen – und am Ende flossen bittere Tränen. Die deutsche Mannschaft löste Zuschauerrekorde in den Hallen und an den Bildschirmen aus. Doch scheinbar nur, weil der grausame Riese Fußball

  • maxiise
    Kolumne

    Wer Neujahrsvorsätze braucht, braucht auch eine Therapie

    Ein Anfang kann eine Chance sein, ein Risiko, das Ende einer Ära, ein leeres Blatt. Das neue Jahr beginnt und bringt tausende neue Anfänge mit sich. Manche ganz willkürlich, andere sehr geplant. Aber wer den Jahreswechsel braucht, um sich selbst neu zu erfinden, der hat wirklich ein Problem.

  • Ka.thi
    Kolumne

    Ende mit Ekel

    SPIESSER-Autorin Katharinas letzte Kolumne. Besser ein Ende mit Ekel als ein Ekel ohne Ende.

  • Ka.thi
    Kolumne

    Von enttäuschenden Erleuchtungen

    SPIESSER-Autorin Katharina blickt seit Kurzem ganz anders in den Sternenhimmel.

  • Ka.thi
    Kolumne

    Teilzeitegoistin im Tauschrausch

    SPIESSER-Autorin Katharina über die Lebenszeit ihrer Jeans und Kommerzialisierungskomponente von Second Hand.

  • Ka.thi
    Kolumne

    Diplomatie im Dattel-Dschungel

    Was macht einen Menschen eigentlich zum Mensch? Wie hilft die moderne Technik dabei? Werden Maschinen bald bessere Romane schreiben als Menschen? Über diese und andere Fragen hat sich SPIESSER Autorin Katharina Gedanken gemacht.

  • Individuot
    Polimika – die Kolumne

    April am Arsch

    Das Wetter war selten so nervig und ekelhaft wie in den letzten Tagen und Wochen. Es ist kalt, es regnet, es schneit, verdammte Hacke! Ich finde, es wird höchste Zeit sich mächtig aufzuregen über diese Frechheit.

  • Ka.thi
    Kolumne

    Menschenskinder, diese Technik!

    Was macht einen Menschen eigentlich zum Mensch? Wie hilft die moderne Technik dabei? Werden Maschienen bald bessere Romane schreiben als Menschen? Über diese und andere Fragen hat sich SPIESSER Autorin Katharina Gedanken gemacht...

  • Der Mann den Sie Pfirsich Nannten
  • Der Mann den Sie Pfirsich Nannten
    Kolumne

    Die Flucht nach vorn

    Wenn der Wahlkampf etwas Gutes hatte, dann das ein Thema wieder Platz findet in den zeilensprunghaften Leitmedien: Migration. In der Debatte wird das Thema Integration genutzt, um sich vom politischen Gegenüber abzugrenzen.

  • Der Mann den Sie Pfirsich Nannten
    Kolumne

    Geheime Wahl,
    geh heim

    Es gibt zwei Aussagen, die mich aktuell regelmäßig verzweifeln lassen. Gern auch in Kombination. Einerseits hat beim Datenschutz keiner was zu verbergen. Andererseits wird auf die Frage „Wen wählst du?“ sich gesetzestreu aufs Wahlgeheimnis berufen. Als würde man ein Stück

  • Der Mann den Sie Pfirsich Nannten
    Kolumne

    Die Kunst,
    modern zu reisen

    Ich packe meinen Koffer und nehme mit: Einen Selfie-Stick, einen Marco- Polo-Reiseführer und Desinfektionstücher. Ich möchte heute mit einem Vorurteil aufräumen. Mit dem Vorurteil, dass Reisen automatisch bildet. Reisen kann bilden, in letzter Zeit bekomme ich aber vermehrt Fälle

  • Der Mann den Sie Pfirsich Nannten
    Kolumne

    Im Lebensfrühling überwinten

    Die Pubertät. Für die meisten von euch sicher, ebenso wie für mich, eine Zeit in Ketten gelegt. Vor allem, was die Zähne anbelangt. Mündig werden und Zahnspange tragen – da sind Probleme vorprogrammiert.

  • Der Mann den Sie Pfirsich Nannten
    Kolumne

    Wo ist der Logout beim Stammbaum?

    Es gibt Sätze, die möchte man bei Facebook einfach nie angezeigt bekommen. Zum Beispiel „Deine Freundin hat ihren Beziehungsstatus auf ,Es ist kompliziert‘ geändert“ oder „JETZT RAY BAN BRILLE 50% RABATT!“ Oder eben „Deine Mama hat dir eine Freundschaftsanfrage geschickt.“

  • Henk Marzipan
    Kolumne

    Auf Pilgerfahrt für
    Gott und Instagram

    Ihr könnt mich alle mal! Ich bin dann mal weg! Wer hat das noch nicht gedacht? Ich jedenfalls schon oft. Damit kann ich wirklich jeden verstehen, der aus der Zivilisation ausbrechen will: kein Smartphone, kein Facebook, kein Alltag. Mal volle Dröhnung auf sich selbst konzentrieren und schauen,