Polimika – die Kolumne

Gewissenhaft die Schnauze halten

Zwölf Redakteure eines Satire-Magazins werden erschossen, 150 Menschen sterben bei einem Flugzeugabsturz, 950 Flüchtlinge ertrinken im Mittelmeer – wir schweigen, hashtaggen und ändern unser Profilbild. Alles natürlich aus Anteilnahme. Auf SPIESSER-Autorin Polina wirkt das viel zu oft wie medienwirksame, teilweise geschmacklose Heuchelei.

23. April 2015 - 13:21
SPIESSER-Autorin Individuot.
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Individuot Offline
Beigetreten: 01.07.2014

Eine Katastrophe jagt die nächste, Menschen sterben oder werden ermordet. Also am besten ganz schnell das Profilbild ändern – ein passendes taucht ja fix im Internet auf –, ein tiefsinniges Zitat und ein Paar traurige Smileys in die Statuszeile und natürlich eine Minute lang still sein – schon hat man sich solidarisch und einfühlsam gezeigt und das Leben kann wieder seinen gewohnten Gang gehen. So scheint die gängige Reaktion auf Katastrophen über die sozialen Medien zu funktionieren, die mir einen Brechreiz verursacht.

Vielleicht liegt das an der Schnelllebigkeit, die mit den üblichen Verdächtigen der social media wie Facebook oder Twitter verbunden ist. Oder an der Sensationsgeilheit, mit der diese und andere Medien immer nach der nächsten großen Katastrophe zu lechzen scheinen. Oder eben daran, dass alle so leicht drauf anspringen. Aber mich machen diese sich sturmartig verbreitenden Zeichen des angeblichen Mitgefühls wütend. Und ich wehre mich dagegen, an ihnen teilzunehmen. Jedes Mal, wenn ein neuer Anteilnahme-Hashtag auftaucht oder ein Profilbild, mit dem man so schnell und gemütlich seine Verbundenheit ausdrücken kann, frage ich mich: Genügt das? Hilft das jemandem? Und vor allem: Fühlen diejenigen, die sich so freudig von dem Sturm mitreißen lassen, wirklich mit?

Schon Ende Januar wurde zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz ein von der ARD in die Welt gesetzter Gedenk-Hashtag diskutiert. SZ-Redakteur Christopher Pramstalle fasste das, was ich auch an solchen Aktionen fast schon makaber finde, damals ganz gut zusammen: Hashtag sei Reflex statt Reflexion. Und ich muss ihm da zustimmen, denn solche schnellen, kurzen und oberflächlichen Beileidsbekundungen helfen nur unserem Gewissen und unserem Selbstbild. Es geht einfach so einfach: Kurz was posten, für ein paar Tage das Profilbild ändern, 60 Sekunden lang innehalten. Zu einfach. Und natürlich ist da auch dieser Aspekt der Selbstinszenierung: es steht uns halt so gut, alle wissen zu lassen, wie nachdenklich und traurig man doch angesichts der vielen Toten sei.

Wenn es den Angehörigen, die einen geliebten Menschen verloren haben, tatsächlich hilft und ihnen auch nur einen Bruchteil des Schmerzes nimmt, dann bitte ich um Entschuldigung, nehme alles zurück und bin das nächste Mal gerne auch viel länger lang still, wenn wieder zur Schweigeminute aufgerufen wird. Und wenn es dafür sorgt, dass auf diese Weise mehr Menschen über diese Katastrophen nachdenken, die Gründe verstehen wollen und sich den Kopf darüber zerbrechen, wie man die nächste Katastrophe vermeiden könnte, dann bitte! Postet so viel ihr könnt! Ich bezweifle bloß, dass das zwischen Hashtag und Smileys auch tatsächlich so ist.

Text: Polina Boyko
Collage: Anja Nier

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