SPIESSER #169, Teaserbild Kolumne
Kolumne

Wo ist der Logout beim Stammbaum?

Es gibt Sätze, die möchte man bei Facebook einfach nie angezeigt bekommen. Zum Beispiel „Deine Freundin hat ihren Beziehungsstatus auf ,Es ist kompliziert‘ geändert“ oder „JETZT RAY BAN BRILLE 50% RABATT!“ Oder eben „Deine Mama hat dir eine Freundschaftsanfrage geschickt.“

28. Februar 2017 - 10:12
SPIESSER-Autor Der Mann den Sie Pfirsich Nannten.
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Der Mann den Sie Pfirsich Nannten Offline
Beigetreten: 24.04.2015

Im Zeitraffer präsentiert die Pinnwand das kreative Schaffen der Eltern aus dem Freundeskreis, die bereits das Ufer zum Neuland mit zittrigen Füßen betreten haben. Comicrosen mit glitzerndem Text, der allen einen wunderschönen Start in die Woche wünscht. Glückskekszitate auf Sonnenuntergängen. Hier könnte man das Ganze noch getrost ignorieren. Doch spätestens wenn der erste blanke Po vom eigenen Kinderfoto mit dutzenden Kommentaren aus dem Freundeskreis versehen wurde, kann man der Supernanny direkt die nächste Freundschaftsanfrage schicken.

Vom Empfinden her sind die Eltern im Internet in etwa so, als würde man gerade eine Geburtstagsparty im Keller schmeißen und sie kommen unangekündigt früher nach Hause. Als würde man im Freundeskreis Geschichten vom Wochenende auspacken und plötzlich kommt der Vater wie selbstverständlich dazu: „Ist was? Warum seid ihr so ruhig? Spielt ihr FarmVille?“ – Und das dauerhaft.

Vor 10 Jahren, als Jugendliche noch fernsahen und man probierte „Psychologinnen“ mit pseudopädagogischen TV-Formaten zu etablieren, als man „scripted reality“ noch nicht dazuschreiben musste, da hätte dieses Thema fruchtbaren digitalen Boden gefunden. Thema der heutigen Sendung „Hilfe! Mama stupst meinen Freund an“ oder „Wie sie als Elternteil die Kindersicherung von ihrem Laptop entfernen, die ihnen ihr Kind verpasst hat, nachdem sie es öffentlich mit peinlichen Kosenamen ansprachen.“

Aber wie ich das hier schreibe, merke ich, dass auch ich wahrscheinlich schon zum Facepalmen bin. Allein, dass ich Facebook als Plattform gewählt habe, offenbart schon meine Online-Vergreisung. Kennt ihr schon dieses Gangnam-Style? Das ist so witzig, wie dieser Asiate ... ach verdammt! Sehen wir es realife-realistisch. Wir müssen akzeptieren, dass dieses Internet alle Menschen verbindet, auch unsere Eltern. Auch wir fingen mal mit albernen Grüßen auf der Pinnwand an. Erinnert ihr euch? Entweder wir sehen das ein und lösen uns von der Vorstellung des elternrechtsfreien Raums. Oder wir nehmen ihre Freundschaftsanfragen nicht an.

Oder wir schlagen zurück und nun entschuldigt mich, ich muss mich jetzt auf stayfriends anmelden und Fotos von meiner Mutter hochladen, wie ihr bei der letzten Radtour die Hose geplatzt ist.

Text: Christian Schneider
Teaserbild: Anja Nier

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