Kolumne

Durchschnitt und
stolz darauf

Ich verstehe Mode nicht. So grundsätzlich und überhaupt. Ich bin der Typ, der immer noch seine zwei Jahre alten H&M-Standard-Shirts trägt und darin kein Problem sieht. Immerhin bin ich dabei dünn.

21. Oktober 2016 - 13:14
SPIESSER-Autor Henk Marzipan.
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Henk Marzipan Offline
Beigetreten: 22.01.2014

Meine Oma sagt zwar zu dünn, während sie mir das vierte Stück Kuchen auf den Teller legt, die Mode aber sagt: genau richtig. Das ist so gesehen ein Glücksfall, denn als Mann betrifft mich sowieso dreiviertel der Mode nicht, die zur Verfügung steht. Die richtet sich hauptsächlich an Frauen. Das sagt das Klischee und die Raumaufteilung in jedem Modegeschäft. Der Rest geht an kleine Kinder, die (vermutlich) auch von Frauen eingekleidet werden. Eine kleine Ecke, hinten links, bleibt für Männer. Dort finde ich zumindest immer passende Standard-T-Shirts, wenn ein altes doch mal Löcher bekommt.

Für die Mode passe ich als dünner Mann also in die Norm. Damit ist die Mode natürlich die zentrale Institution, die bestimmt, was normal ist. Aber wo die Mode das Sagen hat, sind wir fast alle unnormal. Ich habe jedenfalls noch keine Frau getroffen, die aussieht wie die gephotoshopten Modepüppchen von den Plakaten. Ich vermute schon fast, die gibt es eh nur digital. Die Show von und mit Heidi Klum ist nur eine Verschwörung, um uns alle vom Gegenteil zu überzeugen. Auch Männerkörper wie in der Calvin Klein Werbung, mit Stiernacken, glattrasiertem Sixpack und einem riesen Paket in der viel zu engen Badehose treffe ich weder im Schwimmbad noch in der Fitte. Höchstens bei Instagram. Und da gibt es ja die passenden Filter.

Ich habe das trotzdem mal versucht mit dem eigenen Stil: Es mündete in Hosenträgern, Schlägermütze und Kinnbart. Hipster würde man heute vielleicht sagen. In meiner Abiklasse hob ich mich ab. Am Ende ist nur der Kinnbart geblieben, um mein Babyface zu verstecken. Auch wenn man heute natürlich Vollbart trägt, mehr Bart gibt meine Gesichtshaut leider nicht her. Den Man-Bun oder den Undercut kann auch ich nicht bieten. Das ist mir zum einen zu aufwändig, zum anderen befürchte ich, dass wenn der Trend in meiner Haarpracht angekommen ist, er schon nicht mehr Mode ist.

„Mode ist so unfassbar hässlich, dass sie alle halbe Jahre geändert werden muss“, sage nicht ich, sondern Oscar Wilde, aber er genießt meine ungeteilte Zustimmung. Der Trend von heute ist die Modesünde von morgen. Zwar seid ihr heute der Hit im sozialen Netzwerk eurer Wahl, aber eure Kinder werden euch wegen eurer Skinny-Jeans und Nerdbrillen, Hüfthosen und Bauchfreishirts ungehemmt auslachen. So wie ich meine Eltern wegen Schlaghosen und Vollbart in den 80ern belächle. Vollbart? Ja, das war schon mal Trend. Wie eben alles. Ich bleibe also bei meinem Normalo-Look. Nicht zu schäbig, nicht zu ausgefallen, irgendwie so, dass ich mich ohne schlechtes Gewissen aus dem Haus traue. #spiessersexy. Durchschnitt und stolz darauf. Und wenn ich mal ganz was Verrücktes machen will, geh’ ich das nächste Mal mit Anzug feiern. Das könnte vielleicht tatsächlich noch jemanden überraschen.

Text: Henric Abraham
Teaserbild: Lena Schulze

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