Kolumne

Schon mal gevögelt
wie im Porno?

Wenn ich ins Netz gehe, umgibt mich nackte Haut. Meist weibliche. Seltener männliche, dann aber mit Waschbrettbauch. Sexappeal verkauft sich gut – von der Strumpfhose bis zur Schlagbohrmaschine. Wir leben im Jahr 2016.

12. Februar 2016 - 13:17
SPIESSER-Autor Henk Marzipan.
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Henk Marzipan Offline
Beigetreten: 22.01.2014

Jeder hat in seiner Hosentasche Zugriff auf das gesamte Wissen der Menschheit und schier unendliche Weiten von Nacktheit, Pornos und Genitalien in Großaufnahme. Während meine Oma noch versucht hat, die „Dr. Sommer“-Seiten aus der „Bravo“ meiner Mutter mit dem Cuttermesser herauszuschneiden, ist Sex heute allgegenwärtig und jeder kann beim Körperkult mitmachen. Soll nicht heißen, dass wir alle Pornos drehen. Aber nicht umsonst tauchen immer wieder Bildchen auf, die ja eigentlich nur für den Allerliebsten bestimmt waren, dann aber in den WhatsApp-Gruppen der Clique und plötzlich auf den Smartphones der gesamten Schule gelandet sind.

Man könnte meinen, dass wir dadurch eine Generation von Sexperten sind. Aber mal ganz im Ernst: Was hat das im Netz gezeigte noch mit der Realität zu tun? Schon mal probiert, wie im Porno zu vögeln? Das ist überstylisierter Hochleistungssex! Extrem anstrengend und super unbequem. Die einzige Gelegenheit, bei der wir noch mal mit unretouchierten Körpern in Kontakt kommen, ist, wenn RTL eine Datingshow für Exhibitionisten veranstaltet.

Online kann jeder mit genügend Hipster-Filtern das Werbeideal erfüllen. Wir, die wir uns Digital Natives nennen dürfen, sind in einer Werbewelt der Luxuskörper aufgewachsen. Was will die kleine Jenny da mal werden, wenn sie groß ist? Germany’s Next Topmodel! Der heutige Zehnjährige wächst wahrscheinlich so vernabelt mit dem Smartphone auf, dass er sich alle Fragen zur Sexualität ergoogelt, bevor auch nur der erste Aufklärungsversuch stattfindet. Ist das merkwürdige Gespräch über Bienen mit Mama oder Papa ein Verlust? Nö, aber es ist wahrscheinlich schockierend, wenn der erste realistische Eindruck von Sex ein Porno ist. Wir sind also viel früher und öfter mit Sex konfrontiert. Besser im Bett sind wir deshalb noch lange nicht. Macht uns das nicht alles zu viel Druck, wenn der Pornostar zum Vorbild wird?

Menschen, die 45 Minuten lang die Libido eines Zuchtbullen haben? Und was ist aus dem guten alten Blümchensex geworden? Wenn du mit deiner oder deinem Liebsten im Bett liegst, du wahnsinnig verliebt bist und ihr euch nur noch gegenseitig anfassen wollt, kommt mit Sicherheit am Ende etwas ganz anderes dabei heraus, als wenn jemand eine Kamera auf eure Geschlechtsteile hält. Vielleicht Blümchensex. Vielleicht auch nicht. Jeder so wie er mag. Es gibt einfach einen Unterschied zwischen Bildschirm und dem, was im Bett ohne Filter und Selfiestick passiert. Also vor jeder Sex-Szene am besten eine Warnung: „Achtung! Sex im echten Leben kann sich stark von den hier gezeigten Bildern unterscheiden. Für Realismus wird keine Garantie übernommen.“

Wollen wir aber zurück in die 50er? Prüderie und kein Porno? Sicher nicht! Ich bin nicht durch MTV dem Teufel verfallen, ebenso wenig wie Miley Cyrus heute die Jugend verdirbt. Jeder Generation wird reflexhaft vorgeworfen, sie sei für einen großangelegten Sittenverfall verantwortlich. Und ja: Sex im Internet kann auch anders: Tauchen wir lieber ab in die Tiefen des Internets (Nicht zu tief, da ist es seltsam!), lassen wir uns inspirieren. Da draußen gibt es viel, was wir über uns und andere lernen können. Vergesst nur nicht euren Partner und – vielleicht noch viel wichtiger – euch selbst kennenzulernen. Dann ist es wahrscheinlich ganz egal, was das Internet sagt.

Text: Henric Abraham
Teaserbild: Anja Nier

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Kommentare

Drei Kommentare
  • Es gibt Neues zu meiner Unterschriftenaktion auf Change.org, Suchwort "Sexualaufklärung", wo ich versuche, die Bravo dazu zu bringen, auch wieder 16- und 17-Jährige beim Body-Check zu zeigen.

    Die Bravo hat endlich reagiert. Aber nicht so, wie ich gehofft hatte. Sie hat dafür gesorgt, dass Change.org das Titelbild zu meiner Petition, auf der ein paar alte Bodycheckseiten zu sehen waren, löschen musste, angeblich aus Urheberrechtsgründen.

    Ein solches Verhalten finde ich nicht nur unfair, hinterhältig und feige, sondern auch noch dumm. Die Bravo muss meiner Bitte ja nicht folgen, aber wenn sie meine Aktion sabotiert, erfährt sie ja nicht, ob auch andere meiner Meinung sind.

    Und angeblich will sich die Bravo ja mehr danach richten, was die Leser wollen.

    Ich bin jetzt jedenfalls richtig wütend; ein solches Verhalten kann ich mir von der Bravo nicht gefallen lassen. Darum bitte ich darum, dass jeder, der sich auch über diese Reaktion ärgert, ebenfalls an meiner Unterschriftenaktion teilnimmt (auf Change.org, Suchwort "Sexualaufklärung"), und wer schon mitgemacht hat, sollte noch andere finden, die das auch so sehen.

    So wie die Bravo es mit mir macht, darf man mit seinen Lesern nicht umgehen.

  • Ein Glück, dass es die Amateur-p0rn Kategorie gibt :)

  • Ich wäre ja für vernünftige Aufklärung statt Porno. Auf dem Flohmarkt habe ich in ein paar alten Bravo-Heften gesehen, wie anscheinend noch vor sechs Jahren aufgeklärt wurde:

    Da konnte man sich beim Bodycheck mit nackten 16- bis 20-Jährigen vergleichen, um zu sehen, ob mit einem alles normal ist. Das waren auch noch Jungen von nebenan, dick, dünn, groß, klein... Von denen waren viele noch Jungfrau, so dass es im Interview auch um andere Themen als Sex ging. Ich hielt das für eine sehr gute Idee, als ich da die alten Hefte gesehen und den Stapel dann auch gekauft habe. Mittlerweile weiß ich, dass die das 16 Jahre lang so gemacht haben.

    Es gibt zwar wieder einen Body-Check in der Bravo, aber da lassen die nur noch Erwachsene (18 bis 25) mitmachen, die alle aussehen wie professionelle Models. Wie soll ich mich denn mit Männern vergleichen, die viel älter sind als ich? Da kriegt man doch nur Minderwertigkeitskomplexe. Und von dem Interview sind nur ein paar reißerische Zitate übriggeblieben; Jungfrau ist von den erwachsenen Männern natürlich keiner mehr.

    Wenn man früher wissen wollte, wie Jungs im eigenen Alter aussahen, brauchte man anscheinend nur die Bravo aufzuschlagen; wenn man heute wissen will, wie 16- oder 17-Jährige nackt aussehen, um sich zu vergleichen, ist man gezwungen, auf illegale Pornoseiten zu gehen. Das ist doch nicht in Ordnung!

    In den Biologiebüchern meiner großen Schwestern waren auch noch echte nackte Menschen zu sehen, für jedes Geschlecht Kind, Jugendlicher und Erwachsener. Heute sind da nur noch Zeichnungen, wie zu Omas Zeiten. Da ist man ja fast schon gezwungen, auf Porno auszuweichen.

    Mich hat das geschockt, dass die sich früher anscheinend viel mehr getraut haben, was Aufklärung angeht, als heute. Jetzt wird nackt sofort mit Porno und Jugendlicher gleich mit Kind gleichgesetzt. Es ist also nicht mehr möglich, sich in einem sauberen Rahmen einfach nur mit Gleichaltrigen zu vergleichen. Warum durften die früher mehr als wir heute, was Aufklärung angeht?

    Ich dachte erst, das läge an irgendwelchen neuen Gesetzen, aber das habe ich recherchiert: Seit letztem Jahr wird es nur härter bestraft, wenn bei unter 18-jährigen Aktmodellen die Unterschrift der Eltern fehlt, und so blöd ist Dr. Sommer ja wohl nicht, das zu vergessen.

    Ich habe also bei der Bravo nachgefragt. Erst haben sie so getan, als wären sie meiner Meinung, und würden darüber nachdenken, den Body-Check wieder mit Models ab 16 zu bringen. Als ich nach ein paar Ausgaben noch mal nachgefragt habe, hieß es: "Mal sehen, was sich da tut." Wenn ich jetzt noch mal nachfrage, kriege ich einfach keine Antwort mehr.

    Weil ich das nicht einsehe, dass ich auf illegale Pornoseiten gehen muss, wenn ich einfach nur wissen möchte, wie Jungs in meinem Alter nackt aussehen, um mich zu vergleichen, habe ich eine Unterschriftenaktion bei www.change.org
    gestartet. Wenn man dort nach "Sexualaufklärung" sucht, findet man meine Petition an die Bravo, auch wieder 16- und 17-jährige Models für den Body-Check zuzulassen, natürlich nur mit Erlaubnis der Eltern.

    Dann sind sie auch gezwungen, die Models weniger reißerisch darzustellen, sowohl was das Bild, als auch, was das Interview angeht. Freiwillig die selbe Altersgrenze für harmlose Aktfotos in einer Jugendzeitschrift wie für Hardcore-Pornographie einzuführen, stellt doch beides auf eine Stufe, und das finde ich nicht in Ordnung. Wie soll man da lernen, zwischen beidem zu unterscheiden?

    Es wäre also schön, wenn viele an meiner Unterschriftenaktion teilnehmen könnten, um die Bravo wieder zur Vernunft zu bringen.

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