Anpacken für unsere Welt

Frauen Power
gegen den Hunger

Am 16. Oktober ist Welternährungstag. Anlass genug, um einmal über den Tellerrand zu blicken und sich bewusst zu werden, dass nicht jeder die gleiche Vielfalt und Verfügbarkeit an Lebensmitteln zur Verfügung hat. In Entwicklungsländern müssen vor allem Frauen für ihr Essen kämpfen.

13. Oktober 2016 - 16:22
SPIESSER-Autorin Gradl mim Radl.
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Gradl mim Radl Offline
Beigetreten: 23.08.2016

Morgens eine Schüssel Müsli, Mittag gibt's lecker Spaghetti Bolognese von Mama, abends noch ein paar Bratkartoffeln und als Snack zwischendurch ein paar Stückchen Schokolade – das ist für viele ein ganz normales Essverhalten an einem ganz normalen Tag. Groß Gedanken darüber, was wir essen und ob wir überhaupt etwas essen, machen wir uns selten. Weil es einfach immer verfügbar ist. Leider ist das nicht überall auf der Welt so.

Fakten über Hunger

• Noch immer hungern fast 800 Millionen Menschen
• 70 Prozent der Hungernden sind Frauen und Mädchen
• Hunger ist das größte Gesundheitsrisiko weltweit
• Die Mehrheit der Hungernden (98 Prozent) lebt in Entwicklungsländern
• Mehr als 160 Millionen Kinder unter fünf Jahren sind für ihr Alter zu klein, weil sie nicht genug zu essen haben
• Bis zu 20 Millionen untergewichtige Kinder werden weltweit jedes Jahr geboren
• Durch den Klimawandel werden bis 2050 zusätzlich 20 Prozent mehr Kinder an Hunger und Mangelernährung leiden als heute

Pünktlich zum Welternährungstag am 16. Oktober wollen wir uns bewusst machen, dass wir wahnsinniges Glück haben, mit so einer Auswahl und Verfügbarkeit an Essen zu leben. Ganz anders sieht es zum Beispiel in Indien aus. Viele Familien leben dort von der Landwirtschaft und von dem Geld, das sie damit verdienen. Doch auf Grund der Dürren in einigen Gebieten Indiens in den letzten Jahren, wird es immer schwieriger, dadurch eine ganze Familie zu ernähren. Wasser ist in dieser trockenen Region wertvoll und knapp.

Frauen kämpfen für ihr Recht

Im indischen Maharashtra wird die Erzeugung von Obst und Gemüse für das eigene Überleben immer mühsamer. Aufgrund des Wetterphänomens El Niño, das zuerst eine schlimme Überschwemmung brachte, auf die dann der krasse Wechsel zur Dürre folgte, erlebt die Landwirtschaft derzeit das zweite schwere Jahr in Folge. Darunter haben vor allem Familien und insbesondere Frauen zu leiden.

In Indien ist es nämlich leider so, dass die Frauen wenig Mitspracherecht haben und auch beim Essen gegenüber den Männern zurückstecken müssen. Da in Indien in der Regel die Männer bestimmen, was auf den Feldern angebaut und wofür das verdiente Geld verwendet wird, sind die meisten Familien für ihre Ernährungssicherung auf dieses Einkommen angewiesen. Und auf den guten Willen, einen ausreichenden Teil des Geldes in die Ernährung des Haushalts zu investieren. Denn wenn nicht genug Essen im Haus ist, bekommen Frauen nur das, was die Männer übrig lassen. Die Folge: Viele Frauen leiden an Mangel- bzw. Unterernährung.

Durch eine Idee der MISEREOR-Partnerorganisation SSP (Swayam Shikshan Prayog) hat sich die Situation für viele Frauen grundlegend verändert. Übersetzt bedeutet der Name der Organisation „Arbeiten für Gleichberechtigung“ und genau das ist ihr Ziel. Denn sie unterstützt es, dass Frauen selbst Geld verdienen, dass sie mehr Mitspracherecht bekommen und dass sie eigenständig leben können. Durch die Einführung des „1-Acre-Modells“ (ein Acre sind ca. 4000m²) für Gemüseanbau konnten sowohl die Einkommen, als auch die Ernährungssituation der Familien und insbesondere der Frauen deutlich verbessert werden. Das Modell sieht vor, dass Frauen ein Teil des Landes, das der Familie zur Verfügung steht, überlassen bekommen, um dort ihre eigene Landwirtschaft aufzubauen. Auf diesem Teil des Landes können die Frauen selbst entscheiden, was mit welcher Technik angebaut wird. So sind sie nicht mehr nur auf das Geld ihrer Männer angewiesen.


Sie bauen Nahrungsmittel für die Familie an: Gemüse, Hülsenfrüchte und Ölsaaten – all das kann im Gegensatz zu Zuckerrohr unabhängig von der Regenzeit ganzjährig mit Wasser z.B. aus kleinen Teichen gepflanzt werden. Foto: MIESEREO/ A. Goncalves

Das Projekt trägt Früchte

Die Frauen konnten durch Kurse von MISEREORs Partnerorganisation SSP einiges über Gemüseanbau mit organischem Dünger und natürlichem Pflanzenschutz lernen. Trotz anfänglicher Skepsis und Witzen gegenüber ihrem Vorhaben, haben die Frauen zusammengehalten und gemeinsam mit den Unterstützern das Projekt verwirklicht.


Auf der Homepage von MISEREOR erfahrt ihr mehr über dieses und viele andere Projekte.

Und das mit Erfolg! Vom ersten Jahr an haben die Frauen sowohl Gemüse für ihre Familien, als auch zum Verkauf auf den lokalen Märkten geerntet. Die Strategie funktioniert so gut, dass einige Familien immer mehr Land nach den Methoden des „1-Acre-Modells“ bebauen. Die Männer lassen sich überzeugen und helfen den Frauen bei der Bewirtschaftung der Felder. Das Besondere an dem Gemüse der Frauen: Es ist – anders als das Gemüse auf dem Markt – frei von sämtlichen Pestiziden und schmeckt dadurch wesentlich besser. Umweltschutz und Gesundheit sind somit ebenfalls wesentliche Punkte des Projekts.

Mehr Ernte durch innovative Ideen

Durch verschiedene Wassersparmethoden, die Anwendung organischen Düngers und den Anbau vielfältiger und angepasster Sorten wird versucht, die Anpassungsfähigkeit an das trockene Klima zu steigern und die Bodenfruchtbarkeit langfristig zu erhalten.

Auch konnten sich die Frauen durch ihre kreative Ausweitung des Unternehmertums neue Einkommensquellen erschließen: Sie haben z.B. ein Restaurant eröffnet oder vermieten Musikanlagen und Stühle für Feste. Die Frauen können also so einiges und haben gezeigt, was mit diversifizierter, organischer Landwirtschaft und Frauen-Unternehmertum alles möglich ist.

Solidarisch-Kulinarisch
Ihr wollt weiteren Frauen helfen, sich aus der Armut zu befreien? Das geht leichter als gedacht! Mit der Aktion „Solidarisch-Kulinarisch“ ruft MISEREOR dazu auf, unter anderem indische Gerichte mit Freunden nach zu kochen und nebenbei Geld zu spenden. Ihr kauft alle Zutaten für ein original indisches Rezept ein, ladet Familie, Freunde und Bekannte zum Essen ein, kocht das Gericht nach und bittet nebenbei eure Gäste um eine kleine Spende, die dann MISEREOR hilft, weltweit aktiv zu werden. Mehr zu dem Projekt und indische Rezepte, findet ihr hier!

Welternährungstag

Der Welternährungstag findet jedes Jahr am 16. Oktober statt und soll die Menschen weltweit auf die derzeitige Ernährungssituation aufmerksam machen. Immerhin gibt es 795.000.000 hungernde Menschen (Stand 2015) auf dieser Welt. Und alle zehn Sekunden stirbt ein Kind an den Folgen von Mangel- und Unterernährung.

Die meisten hungernden Menschen leben in Afrika südlich der Sahara und in Südasien. Wobei allein fünf der acht Länder, in denen die Hungersituation als „alarmierend“ einzustufen ist, in Afrika liegen: Zentralafrikanische Republik, Tasche, Sambia, Sierra Leone und Madagaskar. „Alamierend“ bedeutet, dass über 15 Prozent der Bevölkerung akut unter- bzw. mangelernährt sind. Zudem haben sie nur einen sehr eingeschränkten Zugang zu Nahrungsmitteln. Aber auch in vielen südasiatischen Ländern wie Indien, Pakistan oder Nepal ist die Situation als „ernst“ einzustufen. Die Menschen dort müssen sich täglich um ihr Essen und ihre Lebensgrundlagen sorgen. Zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung sind dort unter- bzw. mangelernährt. Diese Zahlen sollten erschreckend genug sein, um zu sehen, dass dringend daran gearbeitet werden muss.

Eingeführt wurde der Tag 1979 und findet seitdem in verschiedenen Ländern statt. Es gibt viele offizielle Kongresse und Aktionen, die sich an dem Tag mit dem Welthunger und der Ernährungssicherung auseinandersetzen. Aber warum genau am 16. Oktober? Weil genau am 16. Oktober 1945 die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation als Sonderorganisation der UNO gegründet wurde. Hauptaufgabe der Organisation ist es, die weltweite Ernährung sicherzustellen.

SSP (Swayam Shikshan Prayog, „Arbeiten für Gleichberechtigung“)

Die Indische Organisation Swayam Shikshan Prayog wurde 1993 von engagierten Frauen und Männern gegründet, um vor allem Frauen und ihren Familien in ländlichen Gebieten in Indien zu helfen. Ihr erster Einsatz war 1993 nach einem schweren Erdbeben in Maharashtra. Die SSP-Gründer/innen halfen den Frauen in den betroffenen Dörfern und unterstützten sie bei Verhandlungen mit Behörden. Diese Arbeit war der Grundstein für viele weitere Aktionen und weitere gemeinnützige Organisationen. SSP ist in vielen verschiedenen Bereichen für Frauen aktiv: Gesundheit und Hygiene, Ernährung und Landwirtschaft, saubere Energie, Versicherung und Kredit, Weiterbildung, Organisation von Frauengruppen und die Entwicklung gemeinsamer Wirtschaftsunternehmen. MISEREOR fördert SSP seit 2001.

Die Landwirtschaft ist dabei das neueste Betätigungsfeld der Organisation. SSP will den Frauen helfen, selbst in der Landwirtschaft Fuß zu fassen, um sich selbst versorgen zu können. In Indien ist es sonst normal, dass Frauen abhängig von ihren Männern sind. Nach einer gründlichen Analyse der Situation vor Ort, entwickelte SSP zusammen mit MISEREOR das 1-Acre-Modell, um gemeinsam mit den betroffenen Frauen an einer Lösung zu arbeiten: nachhaltige, vielfältige und lokal angepasste landwirtschaftliche Systeme. Durch einen Fonds bekommen die Frauen Geld für Kompostanlagen oder Bewässerungssysteme, um ihre Landwirtschaft voran zu treiben.

 

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Misereor e.V.

 

Text: Franziska Gradl
Teaserbild: MISEREOR

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